Israel · Noa Tishby
Kapitel I · S. 17–40

Meine Geschichte in Kurzform

Wie aus einer israelischen Soap-Schauspielerin und Fernsehproduzentin eine der lautesten pro-israelischen Stimmen Hollywoods wurde — und warum dieses Kapitel weniger Information als Beglaubigung ist.

Das erste Kapitel ist eine Beglaubigung. Bevor Tishby über Geschichte und Politik schreibt, erklärt sie, warum gerade sie — Schauspielerin, Fernsehproduzentin, „irgendeine Promi-Dame" — dieses Buch verfassen darf. Die Antwort ist eine biografische Reise von Tel Aviv nach Los Angeles, vom Showgeschäft zum Aktivismus, und sie liefert zugleich die Grundmelodie des ganzen Buches: persönlich, frech, polemisch und mit der festen Überzeugung, dass Israel ein gewaltiges „PR-Problem" hat.

1Mit dem Rücken zur Wand

Tishby eröffnet ihr Buch mit einer Szene, die nichts mit Politik zu tun hat — und gerade deshalb funktioniert. Eine neunzehnjährige Soldatin der israelischen Armee, eben erst zum Fernsehstar geworden, wird beim Geburtstag ihrer kleinen Schwester in einem Einkaufszentrum von einer Horde kreischender Teenager belagert. „Zu erkennen, dass sich dein Leben für immer verändert hat, dauert nur eine Sekunde", schreibt sie. Der Ton ist gesetzt: Pop, Selbstironie, und eine Erzählerin, die sich selbst zur Hauptfigur macht.

Sie stellt ihre Herkunft vor: geboren in Israel, aufgewachsen in einem Vorort von Tel Aviv, in einer politisch aktiven Mittelschichtfamilie, „die bereits seit der Gründung des Staates Israel dort lebt". Die Familie ist Programm. Ihre Großmutter gehörte zu den Gründerinnen des ersten Kibbuz, ihr Urgroßvater baute das Ministerium für Industrie und Handel auf, ihr Großvater Hanan Yavor war Israels erster Botschafter in Westafrika und Mitglied der UN-Delegation. Diese Ahnengalerie — Pionierin, Industrieller, Diplomat — wird zum roten Faden, an dem Tishby die große Geschichte aufhängt.

„Das hat natürlich eine gewisse furchtlose Neugierde in meiner DNA hinterlassen. In meiner Kindheit und Jugend begleitete ich meine Eltern zu verschiedenen Protesten und Demonstrationen, und wir hatten mehrmals im Monat Minister und Botschafter zum Abendessen zu Gast."

Kap. I, S. 17 f.

Statt in die Politik geht die junge Noa ins Showgeschäft. Mit zwölf sucht sie eigenmächtig Castings auf, mit dreizehn wird sie landesweit gebucht, nach dem Schulabschluss dient sie wie fast alle Israelis bei den Verteidigungsstreitkräften — allerdings im „Performance-Korps", der Unterhaltungsabteilung der Armee. Sie tourt mit der IDF Circus Show „von den Golanhöhen über Hebron bis zum Gazastreifen" und beschreibt die Armee als „wahren Schmelztiegel". Parallel beginnt ihre Karriere: die Rolle der Daphne in der Erfolgsserie Ramat Aviv Gimmel, ein R&B-Album auf Platz eins der israelischen Charts, die Anita in der West Side Story am Habima-Nationaltheater.

2Der amerikanische Traum

Ein Schlüsselsatz fällt bei einer Dinnerparty des Megaproduzenten Arnon Milchan (Produzent von Pretty Woman). Er rät ihr, nach Los Angeles zu ziehen: „Wenn du Wein herstellst, musst du in Frankreich leben. Wenn du Uhren herstellst, musst du in der Schweiz leben. Und wenn du im Showbusiness Erfolg haben willst, musst du in Los Angeles leben." Tishby kündigt alles, packt zwei Koffer und fliegt nach L. A.

Dort wird sie, wie sie selbstironisch festhält, „nicht zu Gal Gadot. Nicht einmal annähernd." Statt als Schauspielerin macht sie als Produzentin Karriere: Sie verkauft die israelische Serie BeTipul als In Treatment an HBO, koproduziert mit Mark Wahlberg drei Staffeln, die für zwölf Emmys und Golden Globes nominiert werden und einen Peabody Award gewinnen. Damit, schreibt sie, habe sie für Israel den Weg geebnet, zum „Kraftzentrum für TV-Formate" zu werden.

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Die biografische Linie des Kapitels: vom Showbusiness zum politischen Engagement — jede Station liefert Tishby ein Argument für ihre Glaubwürdigkeit.

3Israels PR-Problem

In den USA macht Tishby eine Entdeckung, die zum Movens des Buches wird: Was sie für Allgemeinwissen hielt, ist für ihre amerikanischen Bekannten völlig neu — und oft falsch. Eine spätere Oscar-Preisträgerin fragt sie allen Ernstes, was ihre Eltern davon hielten, dass sie „modern" sei und keine Kopfbedeckung trage; sie pantomimt einen Hijab. Tishby erkennt: Viele Menschen verwechseln Israel mit Afghanistan.

Aus diesen Missverständnissen destilliert sie die Argumentationsfiguren, die das ganze Buch durchziehen werden — hier zum ersten Mal in geballter Form: Israel sei seit 1948 die einzige durchgehende Demokratie der Region; es sei kein kolonialistischer, sondern ein „Flüchtlingsstaat" auf entkolonialisiertem Gebiet; der Apartheid-Vorwurf sei absurd, weil „die drittgrößte politische Partei in Israel eine arabische Partei" sei; und der Konflikt sei keine David-gegen-Goliath-Geschichte zwischen Israelis und Palästinensern, sondern einer zwischen „der gesamten arabischen Welt und Israel".

„Einundzwanzig arabische Länder mit etwa 423 Millionen Einwohnern und ein jüdischer Staat mit etwa 9 Millionen Einwohnern. Wer ist in dieser Konstellation der David und wer der Goliath?"

Kap. I, S. 28

Den auslösenden Moment datiert sie auf 2010: Auf der damals neuen Plattform Twitter trendet „Israil" auf Türkisch — es geht um die Gaza-Flottille, bei der israelische Marinesoldaten neun (bzw. zehn) türkische Aktivisten töteten. Tishby recherchiert nach und kommt zu dem Schluss, die Internet-Erzählung weiche von den Tatsachen ab: An Bord seien auch „Hardcore-Islamisten mit Verbindungen zum Terrorismus" gewesen. Wichtiger als die Faktenfrage ist für sie die Lehre: In der Online-Welt werde „im Handumdrehen" aus Lügen Realität, während die israelische Regierung noch „wie in der medialen Steinzeit" agiere.

Kernidee Israels eigentliches Problem sei nicht nur militärisch, sondern kommunikativ. „Israels PR-Probleme waren im Begriff, sich zu einer existenziellen Bedrohung zu entwickeln." Aus dieser Diagnose leitet Tishby ihr ganzes Projekt ab — das Buch ist der Versuch, dieses PR-Problem zu beheben.

2011 gründet sie mit Gleichgesinnten Act for Israel, nach eigener Darstellung „die erste Online-Lobby- und Schnellreaktionsorganisation". Der zweite biografische Wendepunkt ist der 18. November 2012: Israel steht im Konflikt mit der Hamas; Tishby lässt sich zu einer Demonstration vor dem israelischen Konsulat in Westwood schleppen, greift spontan zum Mikrofon und spricht „aus meinem Herzen". Ein Video davon geht in Israel viral. Fortan wird sie als „Botschafterin" bezeichnet — und erkennt, dass sie „in die Fußstapfen meines Großvaters Hanan Yavor getreten" sei. Ihr Schild trägt die Aufschrift „Befreit Gaza von der Hamas": Sie sei „für Israel" und zugleich „für die Palästinenser, nur eben gegen die Hamas".

4Das Sushi, das alles veränderte

Das emotionale Zentrum des Kapitels ist eine kleine Szene. Wenige Monate nach ihrem Umzug ruft der Vater an und wünscht „Frohe Feiertage!" — es ist Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest, und Tishby weiß nicht einmal, was das ist. Beim Sushi-Essen im Katsu-Ya kann sie ihrem australischen Freund nicht erklären, was das Fest bedeutet. „Nie hatte ich mich in meinem Leben so einsam oder so entwurzelt gefühlt."

Aus dieser Entwurzelung erwächst die Selbstbefragung, die das Buch überhaupt erst möglich macht. Tishby, in Israel stolz auf ihre säkulare Einstellung, beginnt von außen zu erforschen, was es bedeutet, Jüdin und Israelin zu sein. Sie entdeckt „den in Judentum und Zionismus eingebauten Liberalismus" und die „typisch jüdische Kultur von Debatte und Dissens".

„Ein alter Text kann höchst modern sein, und der heiligste und frommste Text ist manchmal auch der provokanteste und mutigste. Eine alte Geschichte, die über Generationen bewahrt wurde, kann ein neues Leben und damit eine neue Relevanz erhalten."

Kap. I, S. 38
ErzählebeneFunktion im Kapitel
Showbusinessetabliert Tishby als Außenseiterin, die „eigentlich" nichts mit Politik zu tun hatte
Familieverleiht Autorität: Pionierin, Industrieller, Diplomat als „DNA"
Aktivismusbegründet die Mission — das Buch als Antwort auf das PR-Problem
Selbstfindungdas Sushi-Erlebnis macht aus der „Globalistin" eine bewusste Jüdin

5Stil als Methode und das Programm des Buches

Wer Tishby verstehen will, muss ihren Ton verstehen, denn der Ton ist bei ihr Argument. Sie schreibt nicht wie eine Historikerin, sondern wie eine Drehbuchautorin: in Szenen, mit Pointen, mit popkulturellen Vergleichen. Herodes der Große steige „rascher auf der politischen Karriereleiter nach oben als ein Akrobat im Cirque du Soleil"; das israelische Wirtschaftsmodell sei „Warren Buffett mit einer Prise Bernie Sanders gewürzt". Diese Sprache ist eine bewusste Strategie: Tishby will ein Publikum erreichen, das ein klassisches Geschichtsbuch nie aufschlagen würde — junge, popkulturell sozialisierte, oft links eingestellte Amerikaner und Europäer.

Am Schluss formuliert sie ihr methodisches Versprechen. Sie wolle Israel „objektiver analysieren", es „für seine Fehler zur Rechenschaft" ziehen und zugleich „seine Errungenschaften" feiern. Der Leitgedanke ist ein Bild von der Flugbuchung: Wer keinen Abflugort angibt, kommt nirgendwohin.

„Das ist der Grund, warum ich dieses Buch schreiben wollte. Nicht, weil die Geschichte noch nie erzählt wurde, sondern weil sie noch nie auf diese Weise erzählt wurde. Um zu wissen, wohin man geht, muss man wissen, woher man kommt."

Kap. I, S. 39 f.

Damit ist der Bauplan gesetzt. Tishby ordnet die dreizehn Kapitel drei großen Bewegungen zu, die zugleich eine Dramaturgie bilden: erst der Traum (historische und ideelle Vorgeschichte, Kap. II–V), dann die Verwirklichung (Staat, Kriege, Besatzung, Kap. VI–IX) und schließlich das Sein (das heutige Israel mit Konflikten, Gesellschaft und Innovationskraft, Kap. X–XIII). Einleitung und Nachwort rahmen den Dreischritt mit der Familiengeschichte.

1 · Träumen
Kap. I–V: Geschichte & Ideal. Verteidigungslinie: Indigenität.
2 · Verwirklichen
Kap. VI–IX: Staat & Konflikt. Verteidigungslinie: Notwehr.
3 · Sein
Kap. X–XIII: Gegenwart & Debatte. Verteidigungslinie: Doppelstandard.
Das Einleitungskapitel ist weniger Information als Beglaubigung: Es verwandelt eine persönliche Biografie in ein Mandat zum Schreiben — und verrät zugleich, dass dieses Buch eine engagierte Streitschrift sein wird, keine neutrale Landeskunde.

6Einordnung & Kritik

Tishbys Stärke ist ihre Lesbarkeit: Sie macht ein hochkomplexes Thema zugänglich, indem sie es an ihrer eigenen Lebensgeschichte aufhängt. Ihre Schwäche ist dieselbe Eigenschaft von der anderen Seite. Schon im ersten Kapitel werden strittige Behauptungen wie nebenbei als Tatsachen präsentiert — etwa die Charakterisierung der Gaza-Flottille oder die Formel vom „Flüchtlingsstaat auf entkolonialisiertem Gebiet". Diese Befunde sind in der Forschung teils umstritten; die folgenden Kapitel (besonders V, VI und IX) kommen darauf zurück. Der deutsche Rezensent Armin Pfahl-Traughber kritisiert den Stil als „manchmal zu persönlich" und „besserwisserisch", er verstöre „mitunter", spreche aber nicht gegen den Buchinhalt.

Auffällig ist die Erzählhaltung: Tishby bezeichnet sich als „linke Israelin" und greift die eigene Regierung scharf an, verteidigt das Land aber nach außen kompromisslos. Diese Doppelbewegung — innere Kritik, äußere Loyalität — ist das Grundmuster des ganzen Buches und erklärt, warum es sowohl von rechts als auch von links Widerspruch provoziert. Der spätere reale Konflikt — ihre Ernennung zur Sonderbeauftragten gegen Antisemitismus 2022 und ihre Entlassung 2023, nachdem sie Netanjahus Justizreform kritisiert hatte — ist in dieser Haltung bereits angelegt (siehe Wirkung & Rezeption).

Schließlich verdient der rhetorische Schachzug der „Beglaubigung" eine kritische Notiz. Indem Tishby ihre Familiengeschichte zur Legitimation macht („warum Sie mir dabei voll und ganz vertrauen können"), verschränkt sie Faktenbehauptung und biografische Identität so eng, dass Widerspruch fast wie ein Angriff auf ihre Familie erscheinen muss. Das ist erzählerisch wirkungsvoll, methodisch aber heikel: Glaubwürdigkeit ersetzt keine Belege. Wo Tishby Belege liefert — und das tut sie über das ganze Buch verteilt mit Endnoten —, ist sie stark; wo sie auf ihre Herkunft verweist, sollte man die nötige Distanz wahren.

Einordnung Tishby ist eine hervorragende Erzählerin und eine engagierte Anwältin — aber eben eine Anwältin, keine neutrale Richterin. Ihre Fakten sind überwiegend belegt, ihre Wertungen sind Parteinahme. Für die Lektüre empfiehlt sich: mitlesen und mitprüfen.