Eine kurze Geschichte des Landes Israel
Von Herodes’ Aquädukten bis zur Balfour-Deklaration: dreitausend Jahre im Schnelldurchlauf — mit einem klaren Ziel, dem Nachweis der jüdischen Indigenität.
Das zweite Kapitel ist Tishbys historische Grundlegung. Sie rast durch fünfundzwanzig Jahrhunderte, von der Antike bis zum britischen Mandat, und tut das mit einem erkennbaren Zweck: Am Ende soll der Satz stehen, dass das jüdische Volk im Land Israel heimisch ist und dass es dort „nie ein souveränes Palästina“ gab. Das Kapitel ist damit zugleich Geschichtsabriss und Beweisführung — eine Doppelnatur, die seine Stärke und seine Angreifbarkeit ausmacht. Wer es liest, bekommt eine verlässliche, unterhaltsam erzählte Tour durch dreitausend Jahre und zugleich eine pointierte These serviert; beide Schichten lassen sich gut trennen, wenn man darauf achtet.
1Das Wasser, in dem du schwimmst
Tishby beginnt nicht mit einer Jahreszahl, sondern mit einer Anekdote. Auf der Fahrt nach Caesarea zeigt ihr australischer Verlobter aus dem Fenster und fragt, was das sei. Tishby blickt kaum hin: „Ach das? Das ist gar nichts. Nur eines von den herodianischen Aquädukten. Davon haben wir Unmengen.“ Erst die Verblüffung des Außenstehenden macht ihr bewusst, dass dieses zweitausend Jahre alte Bauwerk alles andere als „gar nichts“ ist. Es war, schreibt sie, „das Wasser, in dem wir schwammen“.
Caesarea, um 31 v. Chr. als kleiner Hafen gegründet und von Herodes dem Großen größenwahnsinnig ausgebaut, dient ihr als Sinnbild für die schiere Dichte der Geschichte. Ein befreundeter Archäologe erklärt ihr, dass Ausgrabungen dort anders funktionieren: Man stößt fast überall auf Antikes. Wer in Jerusalem ein Loch grabe, treffe „zwangsläufig auf Altes und Unbezahlbares“. Jede Renovierung wird so zur bürokratischen Qual, weil die Altertümerbehörde involviert ist.
Israel hat so unfassbar viel Geschichte und Archäologie zu bieten! Sie ist geradezu der Boden, auf dem hier alles steht. … Diese gut erforschte und dokumentierte Geschichte des Landes lässt sich nicht von dessen Zukunft oder von der politischen Debatte trennen.
Kap. II, S. 42 f.Die Anekdote ist klug gewählt, weil sie ein methodisches Prinzip verbirgt: Was vertraut ist, sieht man nicht mehr. Tishby nutzt den Blick des Außenstehenden, um Selbstverständliches wieder sichtbar zu machen — und macht aus der Beobachtung ein Argument: Die schiere Dichte der materiellen Geschichte sei selbst ein Zeugnis; das Land trage die jüdische Vergangenheit buchstäblich in seinem Boden.
2Zurück zu den Grundlagen
Bevor Tishby in die Tiefe der Zeit steigt, klärt sie die Gegenwart: Israel ist winzig. Etwa 20.769 Quadratkilometer — kleiner als New Jersey, vergleichbar mit Hessen (so die deutsche Ausgabe in einer Fußnote). Sechs Stunden von Nord nach Süd, eine Stunde von Ost nach West, umgeben von einundzwanzig meist arabischen Ländern und dem Iran. „Man könnte sagen, es ist eine raue Nachbarschaft.“
Das Land habe keine Bodenschätze — „keine Diamanten, kein Gold oder Öl“ (erst jüngst etwas Erdgas vor der Küste) — und liege im trockensten Teil des Fruchtbaren Halbmonds. Wassersparen sei eine nationale Obsession. Diese Armut an Ressourcen wendet Tishby im Start-up-Kapitel (XII) zur Pointe: Gerade weil das Land nichts hatte, habe es Innovation erzwungen. Zugleich sei genau diese unscheinbare Lage zum Knotenpunkt zwischen Europa, Asien und Afrika geworden — und, aus welchem Grund auch immer, zum Ursprung gleich dreier Weltreligionen.
Israels geographische Lage hat keine besonderen Vorzüge, aber aus irgendeinem Grund ist das Land Ursprung zweier monotheistischer Religionen … und zudem liegt in ihm der drittheiligste Ort der dritten monotheistischen Religion. Warum, weiß Gott allein. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Kap. II, S. 443König David und die Belege
Tishby datiert die ersten Grenzbeschreibungen des späteren Königreichs auf das Alte Testament (1. Mose 10,19, von den meisten Bibelwissenschaftlern auf etwa 1500 v. Chr. datiert). Die Hebräer kamen ihr zufolge um 1250 v. Chr. ins Land; zwischen 1030 und 928 v. Chr. entstand ein souveränes jüdisches Königreich. Auf Saul folgte König David, dessen Sohn Salomo um 970–930 v. Chr. den Ersten Tempel in Jerusalem baute.
An dieser Stelle macht Tishby eine wichtige methodische Klarstellung: Sie sei keine religiöse, sondern eine „spirituelle“ Person und wolle „niemals für oder gegen“ einen heiligen Text argumentieren. Sie zitiere die Bibel nicht als Glaubensbeweis, sondern weil ihre Aussagen „in unserer politischen Debatte jeden Tag präsent“ seien — und vor allem dort, wo Archäologie und nichtreligiöse Quellen sie bestätigen. Bemerkenswert: Sie verweist auch auf den Koran, der die Verbindung des jüdischen Volkes zu Jerusalem bezeuge.
Ich kann zwar nicht nachprüfen, wer damals genau mit wem schlief, aber bestätigen kann ich, dass es vor etwa dreitausend Jahren einen jüdischen Staat gab, das Königreich Israel … Dass dies so war, sagt mir kein religiöser Glaube, sondern ich vertraue dabei auf die Erkenntnisse der Archäologie.
Kap. II, S. 47Um ihre Linie aus dem Bereich des Glaubens herauszuhalten, führt Tishby konkrete archäologische Funde an: die ägyptische Merenptah-Stele (um 1200 v. Chr.), die einen Feldzug gegen „Israel“ erwähnt; eine sechsundzwanzig Jahrhunderte alte Siegelbulle aus Jerusalem mit dem Namen „Natan-Melech“, der im Zweiten Buch der Könige auftaucht; und der Kyros-Zylinder im British Museum, der den biblisch überlieferten Kyros-Erlass bestätigt. Die Botschaft: Die jüdische Präsenz ist nicht nur Schrift, sondern Stein.
4Ein Land unter wechselnder Herrschaft
Das Herzstück des Kapitels ist eine atemlose Abfolge von Eroberern. Tishby zählt sie auf, um zu zeigen, dass das Land „vieles war, aber nie ein souveränes Palästina“ — und dass von all diesen Mächten nur wenige überhaupt noch existieren.
| Epoche | Herrscher / Ereignis | Zeitraum |
|---|---|---|
| Königreich Israel | Saul, David, Salomo; später geteilt in Israel und Juda | ca. 1030–722 v. Chr. |
| Assyrer / Babylonier | Eroberung 722; Nebukadnezar zerstört 586 den Ersten Tempel | 722–586 v. Chr. |
| Perser | Kyros erlaubt die Rückkehr nach Zion (Zweiter Tempel) | 586–332 v. Chr. |
| Griechen | Alexander; Antiochos IV.; Makkabäer-Aufstand (Chanukka) | 332–167 v. Chr. |
| Hasmonäer | wiederhergestellte jüdische Souveränität | 167–37 v. Chr. |
| Römer / Byzantiner | Herodes; Titus zerstört 70 n. Chr. den Zweiten Tempel; Masada | 63 v.–638 n. Chr. |
| Kalifat (Muslime) | Eroberung 638; Juden und Christen als „Dhimmis“ | 638–1099 |
| Kreuzfahrer | „Königreich Jerusalem“; Saladin 1187; R. Löwenherz 1191 | 1099–1260 |
| Mamluken | Sklavenkrieger gemischter Herkunft, zum Islam konvertiert | 1260–1517 |
| Osmanen | Sultan Selim; Provinz des Osmanischen Reiches | 1517–1917 |
| Briten | Mandatsgebiet Palästina; 1921 Teilung (Transjordanien) | 1917–1948 |
Tishby erzählt diese Abfolge mit Lust am Detail: die Makkabäer, die den Tempel zurückeroberten und mit dem einen Krug Öl acht Tage Licht hatten („Fröhliches Chanukka für alle!“); die Römer, die unter Titus 70 n. Chr. Jerusalem zerstörten und damit die zweite Diaspora auslösten; die muslimischen Eroberer, die Juden und Christen nicht abschlachteten, sie aber als „Dhimmis“ zu Bürgern zweiter Klasse machten; und die Kreuzfahrer, die jeden Nichtchristen niedermetzelten.
Keine der Mächte, die je über dieses Land herrschten, ist noch existent, außer den Türken, den Juden, den Briten (und möglicherweise den Römern und Griechen …)! Alle anderen sind verschwunden — viele schon seit der Antike!
Kap. II, S. 54 f.Besonders ausführlich verweilt Tishby bei den Römern, weil deren Epoche die größte Katastrophe der antiken jüdischen Geschichte enthält. Unter Herodes entstanden Caesarea, die Aquädukte und die Bergfestung Masada; unter Titus fiel Jerusalem 70 n. Chr., der Zweite Tempel brannte nieder. Auch die islamische Eroberung von 638 schildert sie differenziert: Anders als die byzantinischen Vorgänger hätten die muslimischen Herrscher die Juden weder abgeschlachtet noch zwangsbekehrt, sie aber als „Dhimmis“ diskriminiert — weder Dämonisierung noch Verklärung.
Diese Dhimmis durften sich selbst verwalten, mussten aber verschiedene Einschränkungen hinnehmen: Sie durften beispielsweise nicht auf Kamelen oder Pferden reiten, nicht vor Gericht gegen Muslime aussagen, ihre Häuser mussten niedriger sein … und sie wurden hoch besteuert.
Kap. II, S. 515Das Argument der Indigenität
Der eigentliche Zielpunkt des Kapitels ist ein politisches Argument: die Indigenität. Tishby greift das in linken Kreisen beliebte Konzept der Rechte indigener Völker auf und dreht es um. Die Juden, schreibt sie, seien „das einzige Volk, das seine Besiedlung eines bestimmten Gebietes auf fünfundzwanzig Jahrhunderte und mehr zurückdatieren kann“. Daraus folgt für sie der zentrale, bewusst zugespitzte Satz des Kapitels.
Im Laufe der aufgezeichneten Geschichte war das Land Israel vieles, aber es war nie ein souveränes Palästina. Es gab nie einen Staat namens Palästina, weder dort, noch irgendwo sonst auf der Welt. … Das einzige einheimische Volk, das diesen souveränen Staat jemals regiert hat, sind die Juden.
Kap. II, S. 54Ihre rhetorische Pointe: Wer sage, Israel solle das Land „zurückgeben“, müsse die Frage beantworten — „An wen genau? An die Mamluken?“ Das ist wirkungsvoll, verschiebt aber die Frage. Denn die palästinensische Forderung richtet sich nicht auf ein historisches Staatswesen, sondern auf die Anerkennung eines heutigen Volkes und seiner Rechte. Wichtig ist, was Tishby nicht behauptet: „Das bedeutet nicht, dass es kein Palästina geben kann“, schreibt sie ausdrücklich, „nur bis heute gab es nie ein solches Land.“ Tishby bestreitet nicht die Zukunft, sondern eine bestimmte Lesart der Vergangenheit.
Dieser Punkt ist in der aktuellen Debatte besonders wichtig, da viele Leute gerne Dinge sagen wie: ‚Israel muss das Land zurückgeben!‘ Denen möchte ich gerne antworten: ‚An wen genau soll es denn zurückgegeben werden? An die Mamluken?‘
Kap. II, S. 55Es lohnt sich zu fragen, warum Tishby ein ganzes Kapitel auf die Antike verwendet. Die Antwort liegt in der Architektur ihrer Argumentation: Drei der gängigsten Vorwürfe gegen Israel — es sei ein Kolonialprojekt, ein Apartheidstaat und ein „weißer“ Fremdkörper im Nahen Osten — setzen voraus, dass die Juden Neuankömmlinge ohne Wurzeln im Land seien. Tishbys historisches Kapitel ist der systematische Versuch, genau diese Voraussetzung zu zerstören.
6Einordnung & Kritik
Das Kapitel ist als Überblick gut lesbar und in seinen archäologischen Belegen solide. Es bedient sich allerdings einer Auswahl, die auf ein Ergebnis zuläuft. Das Indigenitäts-Argument verdient es, fair referiert und in seinen Grenzen benannt zu werden.
Erstens, die Gleichsetzung von historischer Präsenz und politischem Anspruch: Dass Juden seit der Antike im Land leben, ist unbestritten; dass daraus ein exklusiver heutiger Souveränitätsanspruch folge, ist eine Wertung, keine Tatsache. Historische Präsenz begründet für sich genommen noch keinen Vorrang gegenüber denen, die seit Jahrhunderten ununterbrochen dort leben.
Zweitens, die fehlende palästinensische Perspektive: Indem Tishby betont, es habe nie einen Staat „Palästina“ gegeben, lässt sie unerwähnt, dass nationale Identitäten fast überall ohne historische Vorgängerstaaten entstanden — das gilt für Jordanien, Irak oder Syrien ebenso, die erst im 20. Jahrhundert von Kolonialmächten gezogen wurden. Die nichtjüdischen Bewohner des Landes — Araber, Christen, Drusen, Beduinen — erscheinen bei Tishby vor allem als Kulisse. Diese Leerstelle ergibt sich notwendig aus einem Erzählmodell, das die Kontinuität des einen Volkes betont, um den Anspruch des anderen zu relativieren.
Drittens, der Standpunkt der Autorin: Tishby schreibt als erklärte Aktivistin und „inoffizielle Botschafterin“ Israels, nicht als neutrale Historikerin. Strittig ist dabei nicht das Was, sondern das Wozu — die Verknüpfung überwiegend korrekter Fakten mit politischen Gegenwartsansprüchen. Genau hier verlässt das Kapitel den Boden der Chronik und betritt den der Streitschrift. Festzuhalten bleibt: Tishby liefert eine korrekte und lebendige Tour durch die antike und mittelalterliche Geschichte; ihre Faktenbasis ist tragfähig, ihre politische Schlussfolgerung eine Parteinahme, die man als solche lesen sollte.