Israel · Noa Tishby
Kapitel III · S. 55–70

Der Nahe Osten im vorigen Jahrhundert

Tishby erzählt die Geburt der modernen Nahost-Karte als Geschichte einer kolonialen Erbsünde — verkörpert in der Figur des Lawrence von Arabien. An ihm zeigt sie, wie Großbritannien gleich drei einander widersprechende Versprechen abgab und so das „Durcheinander" schuf, das die Region bis heute prägt.

Das dritte Kapitel ist Tishbys Lieblingskapitel — man spürt es an der Erzählfreude. Sie nähert sich dem Ersten Weltkrieg und der kolonialen Aufteilung des Nahen Ostens nicht über abstrakte Diplomatie, sondern über einen einzigen, schillernden Helden: Thomas Edward Lawrence. Es ist zugleich das historisch solideste und das menschlich großzügigste Kapitel des Buches — ein Plädoyer dafür, dass der Konflikt nicht in der Natur der Sache liegt, sondern aus konkreten politischen Entscheidungen erwuchs, die anders hätten ausfallen können.

1Von Lawrence zur Erbsünde

Tishby steigt über eine absurd-komische Szene ein: ihren ersten Besuch beim Burning Man, dem Festival in der Wüste Nevadas. Ratlos, was sie anziehen soll, dämmert ihr, dass die staubige Playa nichts anderes ist als eine Wüste — und dass sie selbst aus einem Wüstenland stammt. Die rettende Frage: „Was würde Lawrence anziehen?" Sie hüllt sich in weiße Baumwolltücher und eine goldene Kordel und tauft sich „Noa of Arabia".

Die Pointe ist mehr als ein Gag. Um den heutigen Nahen Osten zu verstehen, brauche man keine Detailkenntnis der Mamluken, wohl aber ein Verständnis des Ersten Weltkriegs, des regionalen Kolonialismus und der nachfolgenden Verträge — eines Dreierensembles, „das manche Leute als Erbsünde bezeichnen". Lawrence ist Tishbys Schlüssel zu diesem Dreiklang.

KernideeDie moderne Nahost-Karte ist kein Naturzustand, sondern ein koloniales Konstrukt. Großbritannien und Frankreich zogen Grenzen ohne Rücksicht auf Stämme, Religionen und Selbstbestimmung — und betrogen dabei Araber wie Juden gleichermaßen.

2Ein Krieg und die Geburt eines Helden

Lawrence, 1888 in Wales geboren, ist Oxford-Historiker mit Spezialgebiet Kreuzritterburgen, spricht fließend Arabisch und arbeitet als Archäologe im nordsyrischen Karkemis. Schon vor dem Krieg lebt er so tief im arabischen Alltag, dass er als Schlichter bei Stammesstreitigkeiten herangezogen wird. Das britische Militär rekrutiert ihn unter dem Deckmantel des „British Museum", um die Negev-Wüste zu kartieren — in Wahrheit aus strategischen Gründen rund um den Suezkanal, die einzige direkte Schiffsverbindung zwischen Großbritannien und seiner Kolonie Indien.

Als die Osmanen 1914 an der Seite Deutschlands in den Krieg eintreten, wird Lawrence in Kairo stationiert. Dort lernt er Prinz Faisal kennen, den Sohn des Emirs von Mekka. Aus dieser Begegnung erwächst die zentrale Allianz des Kapitels: Lawrence übernimmt es, die zersplitterten arabischen Stämme zu einer Kraft gegen die Türken zu vereinen.

„Lawrence war kein weißer Erlöser. Er nutzte seine Liebe und Kenntnis der arabischen Kultur, Sprache und Tradition, um Tausende von verstreuten Stammeskriegern zu inspirieren, vereint an der Seite ihres Königs Faisal gegen die Türken zu kämpfen."

Kap. III, S. 62

Seine Heldentat ist die Eroberung der Hafenstadt Aqaba: Statt vom Wasser greift Lawrence mit 5.500 Kamelreitern durch die als unpassierbar geltende Nefud-Wüste von der Landseite an — ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten. „Erst innovieren, dann entschuldigen", eine Philosophie, die Tishby mit dem Silicon Valley vergleicht.

„Erst nach der Eroberung Aqabas … nahm Lawrence Kontakt mit dem britischen Militär auf und sagte ihnen: ‚Übrigens, ich habe für euch einen der strategisch wichtigsten Orte in der Region erobert. Gern geschehen!'"

Kap. III, S. 62

Tishby ordnet diese Taten in den größeren Rahmen des Weltkriegs ein, der mit dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 begann und in einer „Reihe von unglücklichen Schritten" ganz Europa erfasste. Der große Krieg in Europa schuf das Vakuum, in das die Kolonialmächte mit ihren widersprüchlichen Versprechen vorstießen.

3Drei einander widersprechende Versprechen

Hier wird das Kapitel politisch. Die Araber verlangten für ihre Revolte gegen die Türken nur eines: Unabhängigkeit. Großbritannien stimmte zu (die Hussein-McMahon-Korrespondenz). Doch zugleich handelte es hinter dem Rücken aller das geheime Sykes-Picot-Abkommen mit Frankreich aus, das den gesamten Nahen Osten unter beiden Mächten aufteilte. Und 1917 gab es als drittes die Balfour-Deklaration ab — das Versprechen einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk" in Palästina.

Drei unvereinbare Zusagen Großbritanniens Groß- britannien An die Araber Hussein-McMahon Unabhängigkeit An Frankreich Sykes-Picot (geheim) Aufteilung der Region An die Juden Balfour 1917 „nationale Heimstätte"
Tishbys Kernschaubild des Kapitels: Großbritannien machte drei unvereinbare Zusagen — die Wurzel des bis heute andauernden „Durcheinanders".

Tishby betont, dass durch Sykes-Picot „Araber und Juden gleichermaßen belogen und verschaukelt" wurden. Die Kolonialmächte zogen Grenzen ohne Rücksicht auf gewachsene Loyalitäten — auf Stämme, Clans (die Hamula), Religionen. Ihr drastisches Bild: Briten und Franzosen betraten einen Raum, hielten ein Papier in der Hand und verkündeten einer Schar von Kurden, Sunniten und Schiiten: „Herzlichen Glückwunsch, ihr seid jetzt alle zusammen der Irak!"

Abkommen / ErklärungJahrAdressatInhalt
Hussein-McMahon1915/16Araberarabische Unabhängigkeit als Gegenleistung für die Revolte
Sykes-Picot1916Frankreich (geheim)Aufteilung der Region in Einflusszonen
Balfour-Deklaration1917Juden„nationale Heimstätte" in Palästina
Faisal-Weizmann1919Araber & Judengegenseitige Anerkennung — folgenlos

Daraus erwächst eine wichtige Relativierung: Aus dem zerfallenden Osmanischen Reich entstand die heutige Landkarte mit großer Beiläufigkeit — die Briten schufen „Transjordanien", so benannt, „weil es am Jordan lag und sie zu faul waren, sich einen besseren Namen einfallen zu lassen". Wenn fast alle modernen Staaten der Region künstliche, koloniale Schöpfungen sind, dann ist das Fehlen eines historischen „Palästina" kein Sonderfall, sondern der Normalzustand der ganzen Region.

Dies ist eine der ehrlichsten Stellen des Buches: Tishby räumt ein, dass die Araber ein historisches Unrecht erlitten. Ihr bitteres Fazit: „Die Juden bekamen kein Israel, die Araber bekamen gar nichts, und die ganze Region wurde zu einem völligen Desaster."

4Faisal, Weizmann und ein verlorener Frieden

Das emotionale Zentrum des Kapitels ist eine fast vergessene Episode: das Treffen zwischen Prinz Faisal, dem bedeutendsten arabischen Führer der Zeit, und Chaim Weizmann, dem Führer der zionistischen Bewegung und späteren ersten Präsidenten Israels. Lawrence vermittelte und übersetzte. Am 3. Januar 1919 unterzeichneten beide ein Abkommen, das die Souveränität beider Völker anerkannte.

„Wir Araber, insbesondere die Gebildeten unter uns, schauen mit tiefer Sympathie auf die zionistische Bewegung … In Syrien gibt es Raum für uns beide. In der Tat glaube ich, dass Juden und Araber nur wirklich Erfolg haben können, wenn sie zusammenarbeiten."

Emir Faisal an Chaim Weizmann, zit. n. Kap. III, S. 65

Die Tragik: Die europäischen Mächte ignorierten dieses Einvernehmen. Faisal reiste von der Pariser Friedenskonferenz ab, „abgespeist mit einer netten Tasse Tee", ohne Unabhängigkeit für sein Volk. Lawrence selbst, schreibt Tishby, sei darüber „wütend" gewesen.

„Das jüdische Experiment … ist eine bewusste Anstrengung seitens des am wenigsten europäischen Volkes in Europa, sich gegen den Lauf der Zeit zu stemmen und noch einmal in den Orient zurückzukehren, aus dem es stammt."

T. E. Lawrence, „Der sich wandelnde Osten" (1920), zit. n. Kap. III, S. 70

Dass ausgerechnet der Mann, der die arabische Revolte anführte, zugleich ein leidenschaftlicher Befürworter der jüdischen Rückkehr war, ist für Tishby kein Widerspruch, sondern der Beweis ihrer Grundthese: Die beiden nationalen Bewegungen mussten keine Feinde sein. Die Faisal-Weizmann-Vereinbarung ist ihr historischer Kronzeuge dafür, dass eine arabisch-jüdische Verständigung von Anfang an denkbar war — ein Motiv, das sie bei den Abraham-Abkommen wieder aufgreift.

5Die erste Kardashian

Den überraschendsten Dreh liefert die Figur des amerikanischen Journalisten Lowell Thomas. Von der US-Regierung beauftragt, „eine gute Geschichte" für den Kriegseintritt zu finden, entdeckte er in Jerusalem den charismatischen Lawrence und machte aus ihm mit einer Multimedia-Show (With Lawrence in Arabia) einen Weltstar. Drei Millionen Menschen sahen die Vorführungen.

„T. E. Lawrence … war der erste Mensch, der schon zu Lebzeiten ein internationaler Superstar wurde, und zwar als Persönlichkeit. Er wurde der erste … Reality-Star. Die erste Kardashian."

Kap. III, S. 69

Dieser anachronistische Vergleich ist typisch Tishby: Sie holt eine historische Figur in die Gegenwart der Popkultur und macht zugleich ein ernstes Argument — über die Macht von Bildern und Erzählungen. Lawrence wurde zur Legende, weil ein genialer Geschichtenerzähler die richtigen Bilder produzierte. Genau dieses Spiel um die Bilder, so Tishbys implizite Sorge, verliere Israel heute. Das Kapitel ist damit auch eine verkappte Medienkritik und die Brücke zu ihrem Lebensthema: Israels „PR-Problem".

Tishby beschließt die Heldengeschichte mit dem Tod ihres Protagonisten: Lawrence starb mit sechsundvierzig Jahren bei einem Motorradunfall; Winston Churchill nannte ihn „einen der Größten dieser Zeit". Dann schließt sie den Kreis zurück zum Burning Man — hundert Jahre später steht sie selbst in der Wüste Nevadas, als „Noa of Arabia". Vergangenheit ist für sie nichts Abgeschlossenes, sondern etwas, das man verkörpern und neu beleben kann.

„Lawrence wusste, dass dieses Land die ursprüngliche Heimat der Juden war. Sie waren keine kolonialistischen Eindringlinge. … Unter ihnen waren auch meine Großeltern und Urgroßeltern."

Kap. III, S. 70

6Einordnung & Kritik

Das dritte Kapitel ist das ausgewogenste des Buches — gerade weil Tishby hier zugibt, dass die Araber ein echtes Unrecht erlitten. Die Schilderung der drei widersprüchlichen Versprechen entspricht dem historischen Konsens, und die Faisal-Weizmann-Episode ist ein wirkungsvoller Beleg dafür, dass Feindschaft kein Naturgesetz ist.

Kritisch bleibt zweierlei. Erstens die Heldenzentrierung: Indem Tishby die Geschichte fast vollständig über Lawrence erzählt, verschwinden die arabischen Akteure als eigenständige Subjekte hinter dem brillanten Briten — eine Erzählweise, die der Guardian-Kritiker Guyer generell an dem Buch bemängelte. Zweitens die selektive Pointierung: Tishby zitiert Faisals versöhnliche Worte, erwähnt aber kaum, dass derselbe Faisal seine Zusagen an Bedingungen (arabische Unabhängigkeit) knüpfte, die nie erfüllt wurden — was die spätere arabische Ablehnung verständlicher macht, als das Buch nahelegt.

Bemerkenswert ist, was das Kapitel für das Gesamtargument leistet. Indem Tishby zeigt, dass die ganze Region eine koloniale Konstruktion ist, entzieht sie dem Vorwurf, ausgerechnet Israel sei ein künstliches Gebilde, den Boden — mit dem Zusatz, dass das jüdische Volk eine dokumentierte historische Bindung an dieses Gebiet vorweisen könne. Ob dieser Zusatz das Argument stärkt oder es heimlich in eine Hierarchie der Ansprüche zurückführt, muss der Leser selbst entscheiden.

Wer nur ein einziges Kapitel liest, um die historischen Wurzeln des Nahost-Konflikts zu verstehen, sollte dieses wählen: Es erklärt verständlich und fair, wie aus kolonialer Willkür und gebrochenen Versprechen die Konfliktlinien entstanden, die bis heute fortwirken — ein gelungenes Beispiel dafür, dass Verständlichkeit und historische Redlichkeit einander nicht ausschließen müssen.