Israel · Noa Tishby
Kapitel VIII · S. 185–206

Die Siedlungen

Tishby nähert sich dem heikelsten Thema ihres Buches — dem „S-Wort“, das ihrer eigenen linksliberalen Familie das größte Unbehagen bereitet. Von einem Soldatinnen-Auftritt in Hebron über die völkerrechtliche Grauzone des Westjordanlands bis zum Scheitern von Camp David 2000.

Das achte Kapitel ist Tishbys selbstkritischstes. Zum ersten Mal richtet sie den prüfenden Blick nicht auf die arabische Welt, sondern auf ein Problem der eigenen Seite. Mit den Siedlungen sei das „S-Wort“ angesprochen, das sie bisher bewusst ausgespart habe. Aufgewachsen in einem Milieu, an dessen Esstisch die Devise „Siedlungen = schlecht“ galt, zwingt sie sich nun, das „Warum“, das „Wie“ und das „Wer“ des Siedlungsbaus auszuleuchten. Eingerahmt wird das Ganze von zwei Erzählbewegungen: einer persönlichen Anekdote aus Hebron und einer historisch-politischen Linie, die vom Sechstagekrieg 1967 bis zum Zusammenbruch der Friedensgespräche im Jahr 2000 reicht. Es ist zugleich das Kapitel, in dem ihre juristische Argumentation am angreifbarsten wird.

Hebron, ein M16 und das „S-Wort“

Tishby beginnt nicht mit Paragrafen, sondern mit einer Szene aus ihrem eigenen Wehrdienst. Als neunzehnjährige Soldatin der Unterhaltungstruppe der israelischen Streitkräfte (IDF) stellt sie eines Sommermorgens „wenig erfreut“ fest, dass ihre Show-Kompanie ausgerechnet in Hebron auftreten soll — einer Stadt in den Judäischen Bergen, rund fünfunddreißig Kilometer südlich von Jerusalem, mitten im Westjordanland. Am Stadtrand liegt die 1971 gegründete Siedlung Kirjat Arba; fußläufig erreichbar ist die Höhle der Patriarchen, in der nach der Überlieferung Abraham, Isaak, Jakob, Sarah, Rebekka und Lea begraben sein sollen — Stammeltern, die Juden, Muslimen und Christen gleichermaßen heilig sind.

Zwei Dinge bedrücken die junge Tishby. Erstens muss sie bewaffnet sein, weil der Ort als gefährlich gilt — sie, die sich selbst als „eher Pazifistin“ beschreibt, soll mit einem M16-Gewehr auftreten. Zweitens weiß sie, dass ihre Mutter wütend sein wird. Denn die Familie blieb trotz aller persönlichen Verluste linksliberal.

„Als ich in die IDF eintrat, riet meine Mutter mir, den Befehl zu verweigern, falls ich in die »Gebiete« — Gazastreifen und Westjordanland — beordert würde. Doch ich entschied mich stattdessen, den Befehl meiner Mutter zu verweigern.“

Kap. VIII, S. 185 f.

Neugier siegt über die elterliche Politik. Tishby fährt im gepanzerten Kleinbus durch eine Altstadt, die sich „wie arabisches Feindesland“ anfühlt: arabische Ladenbesitzer, verschleierte Frauen, Kinder mit großen Augen — und einige „bis an die Zähne bewaffnete jüdische Siedler“. Die Offizierin, die diese Show angefordert hat, ist niemand Geringeres als Ayelet Shaked — die spätere israelische Justizministerin und, in Tishbys Worten, „Königin des rechten politischen Lagers“. Aus dieser Begegnung erwächst über die Jahre eine Freundschaft über alle politischen Gräben hinweg.

„Was, um alles in der Welt, hatten wir eigentlich dort zu suchen? … es war nicht zu übersehen, dass uns Hebrons heutige Bewohner nicht dort haben wollten.“

Kap. VIII, S. 187

Bevor sie argumentiert, klärt Tishby den Begriff: Mit „den Siedlungen“ sind jüdische Städte und Dörfer gemeint, die jenseits der Grenzen von 1967 liegen — jenseits der sogenannten Grünen Linie. Den juristischen Rahmen liefert ein lateinischer Fachbegriff: Das Westjordanland gilt völkerrechtlich als occupatio bellica, als kriegerische Besetzung — im Krieg erobertes Gebiet unter militärischer Kontrolle, das von der siegreichen Seite nicht offiziell annektiert wurde.

Kernidee: Tishby rahmt das politisch heikelste Thema des Buches in eine persönliche Erfahrung. Die Freundschaft mit der Hardlinerin Shaked, die aus demselben Erlebnis genau entgegengesetzte Schlüsse zog, wird zum Modell dafür, wie sie sich Debatten wünscht — leidenschaftlich, aber respektvoll.

Das „kreative rechtliche Kauderwelsch“

Hier wird Tishby ungewöhnlich offen — und benennt die Schwächen beider Lager. Israels offizielle Position ruht auf zwei Säulen. Erstens: Das Westjordanland sei von der internationalen Gemeinschaft nie als offizieller Teil eines anderen Landes anerkannt worden; Jordaniens Besetzung 1948 sei international nicht anerkannt gewesen, die Grenzen nie festgelegt. Wenn aber das Gebiet von niemandem besetzt war, könne Israel auch kein Besatzer sein.

„Dieses Gebiet wurde von der internationalen Gemeinschaft nie als offizieller Teil eines anderen Landes anerkannt, so dass es formell gesehen von niemandem besetzt ist … »Wenn die Gebiete, rechtlich gesehen, nicht besetzt sind, kann Israel auch kein Besatzer sein.«“

Kap. VIII, S. 188 f.

Die zweite Säule betrifft die Vierte Genfer Konvention: Israels Lesart erlaube es einem Land, in einem militärisch kontrollierten, nicht annektierten Gebiet Ansiedlungen zu gestatten. Die internationale Gemeinschaft widerspricht: Das Völkerrecht verbiete es einem Besatzer, den Status quo in einem besetzten Gebiet zu verändern. Bemerkenswert ist Tishbys Urteil über diesen Schlagabtausch — sie nennt beide Lesarten „kreatives rechtliches Kauderwelsch“.

„Auch das ist höchst kreatives rechtliches Kauderwelsch, denn es handelt sich ja nicht um eine theoretische Juristen-Denkübung, sondern um echte Menschen. Wir haben es mit der realen Manifestation einer rechtlichen Grauzone zu tun, die leider seit 1967 bis heute fortbesteht.“

Kap. VIII, S. 188 f.
StreitpunktIsraels offizielle PositionInternationale Gegenposition
Status des Gebiets Nie als Teil eines anerkannten Staates anerkannt — also formell von niemandem besetzt. Das Westjordanland ist besetztes Gebiet, unabhängig davon, wem es zuvor „gehörte“.
Besatzer-Status Wo keine Besetzung ist, kann es keinen Besatzer geben. Israel ist Besatzungsmacht und an die Pflichten eines Besatzers gebunden.
Genfer Konvention Solange nicht annektiert, erlaubt sie das Gestatten von Ansiedlungen. Sie verbietet dem Besatzer, den Status quo zu verändern — also auch Besiedlung.
Tishbys Wertung Beide Argumentationen seien „kreatives rechtliches Kauderwelsch“ — eine reale Grauzone mit echten Menschen, kein Gedankenspiel.

Ein Land, schmaler als ein Halbmarathon

Um das „Warum“ zu erklären, greift Tishby auf ein anschauliches Argument zurück: die geografische Verwundbarkeit Israels vor 1967. Am Vorabend des Sechstagekriegs war der mittlere Landesteil von Ost nach West — von der jordanischen Grenze bis zum Mittelmeer — nur zwischen 13 und 18 Kilometer breit. „Das ist kürzer als ein Halbmarathon“, schreibt sie. Die deutsche Ausgabe ergänzt: Die Ostseeinsel Hiddensee bei Rügen ist knapp 17 km lang.

„… die Breite des mittleren Landesteiles … betrug zwischen 13 und 18 Kilometer. Mehr nicht. Das ist kürzer als ein Halbmarathon. … Das ist wirklich … verdammt … nahe.“

Kap. VIII, S. 189 f.
Mittelmeer ISRAEL Jordanien (feindlich, 1967) 13–18 km ≈ kürzer als ein Halbmarathon (21,1 km) Israels „schmale Taille“ vor 1967
Schematische Darstellung: Zwischen Mittelmeer und jordanischer Grenze trennten den mittleren Landesteil nur 13–18 km — Tishbys zentrales Sicherheitsargument für das „Warum“ des Siedlungsbaus.

Nach dem „überraschenden Sieg“ im Sechstagekrieg habe Israel die Gelegenheit erkannt, sich „ein für alle Mal verteidigungsfähige Grenzen“ zu schaffen. Dies sei „kein kolonialistisches Unterfangen“ gewesen, betont Tishby ausdrücklich, sondern eine Frage des Überlebens. Das einzige Gebiet, das Israel formell annektierte, sei Ostjerusalem gewesen.

Tishbys „Warum“ ist ein Sicherheitsargument: Ein 13–18 km schmales Land an einer feindlichen Grenze suchte nach 1967 nach strategischer Tiefe. Das „Wie“ und „Wer“ aber führen rasch in religiöse und ideologische Motive — und damit in die Probleme, die sie selbst benennt.

Allon-Plan, Oslo und Camp David 2000

Der Weg von der Sicherheitslogik zum ideologischen Projekt lässt sich an drei Stationen ablesen. Der Allon-Plan: Arbeitsminister Jigal Allon entwarf nach 1967 einen inoffiziellen Plan mit Ansiedlungen als Pufferzonen — plante aber, den größten Teil des Gebiets an Jordanien zurückzugeben, und schlug sogar einen palästinensischen Halbstaat vor. Beide Seiten lehnten ab. Kfar Etzion: Die erste Siedlung im Westjordanland wurde von Nachkommen jener Kibbuz-Mitglieder wiedererrichtet, die dort gelebt hatten, bevor das jordanische Militär 1948 ein Massaker verübte. Gusch Emunim („Block der Gläubigen“, 1974): griff die Wiederaufbau-Idee auf und fügte „eine kräftige Prise religiösen Eifers“ hinzu — geistiger Führer war Rabbiner Zwi Jehuda Kook. Ihr Ziel: das gesamte biblische Land Israel solle jüdisch werden.

Den moralischen Kern des Problems fasst Tishby in einem Wort des früheren Premiers Levi Eschkol — eines der ehrlichsten Bilder des Kapitels, weil es die Crux offenlegt: das Land ist begehrt, die dort lebenden Menschen sind es nicht.

„Wir wollen nur die Mitgift — ohne die Braut.“

Levi Eschkol, zitiert Kap. VIII, S. 192

Tishby löst das Bild sofort auf: Die Mitgift sei das Land, die Braut seien die rund 900.000 im Westjordanland lebenden palästinensischen Araber. Dass sie dieses Zitat aufnimmt, ist Teil ihrer Selbstkritik.

1995 vereinbarten beide Seiten als Bedingung des Oslo-Abkommens eine Aufteilung des Westjordanlands in die Zonen A, B und C, die auf der Karte „wie Schweizer Käse aussehen“: Gebiet A unter palästinensischer Kontrolle, Gebiet B unter palästinensischer Verwaltung mit israelischer Sicherheitsüberwachung, Gebiet C unter israelischer Kontrolle.

Oslo II (1995): das Westjordanland als „Schweizer Käse“ A — pal. Kontrolle B — pal. Verwaltung / isr. Sicherheit C — isr.
Vereinfachtes Schema der drei Oslo-Zonen: palästinensisch kontrollierte Inseln (A) inmitten gemischter (B) und israelisch kontrollierter Fläche (C). Tishbys Bild vom „Schweizer Käse“ macht die zerstückelte Geografie anschaulich.

Bevor sie zum politischen Kollaps kommt, hält Tishby ein Verbrechen der eigenen Seite fest und kehrt an den Schauplatz ihrer Eingangsanekdote zurück: Am 25. Februar 1994 betrat der jüdische Siedler Baruch Goldstein die Höhle der Patriarchen und eröffnete das Feuer auf betende Muslime — 29 Tote, 125 Verletzte. Die Tat sei „innerhalb Israels von allen Seiten verurteilt“ worden. Tishby behandelt das Massaker eher knapp, während sie die Verantwortung der palästinensischen Führung anschließend sehr viel ausführlicher entfaltet.

Den aus ihrer Sicht entscheidenden Moment widmet Tishby Camp David 2000: US-Präsident Bill Clinton lud Premier Ehud Barak und Jassir Arafat ein, um das Oslo-Werk zu vollenden. Barak — so Tishby unter Berufung auf ein befreundetes Mitglied der israelischen Delegation — habe „fast alle Forderungen Arafats“ akzeptiert.

„Es sah einen palästinensischen Staat auf mehr als 90 Prozent des geforderten Landes vor … Arafat brauchte nur noch seine Unterschrift darunter zu setzen … Aber er tat es nicht. Er sagte Nein.“

Kap. VIII, S. 195

Und es sei nicht beim Nein geblieben: Während Arafat verhandelte, habe er gleichzeitig die Zweite Intifada initiiert und koordiniert. Das Scheitern habe zwei dauerhafte Folgen gehabt — den Bau der Sicherheitsmauer und einen schweren Schlag für das israelische Friedenslager.

Kernidee: Für Tishby ist Camp David 2000 der Angelpunkt: Ein großzügiges Angebot sei am palästinensischen Nein zerschellt und habe das israelische Friedenslager fast zwei Jahrzehnte lang gelähmt. Diese Lesart ist die zentrale — und am stärksten umstrittene — These des Kapitels.

Karine A, Korruption und die drei Lager

Tishbys Bild Arafats ist vernichtend und mit drei Argumenten unterfüttert. Die Karine A: 2002 kaperte Israel das aus dem Iran nach Gaza unterwegs befindliche Schiff — beladen mit fünfzig Tonnen Waffen; dies habe die Amerikaner endgültig überzeugt, dass Arafat weiterhin Terrorist sei. Die Korruption: Arafat sei zum „neuntreichsten Herrscher der Welt“ aufgestiegen; IWF und Mossad schätzten sein Vermögen auf bis zu 6,5 Milliarden Dollar, während die internationalen Milliardenhilfen nicht bei der Bevölkerung ankamen. Das Urteil eines Experten:

„Jassir Arafat war ein falscher Held, ein Meister der Korruption und wahrer Pate des palästinensischen Terrorismus.“

Noor Dahri, zitiert Kap. VIII, S. 197

Aus all dem zieht Tishby einen schmerzlichen Schluss für die eigene Seite: Das Scheitern habe das Friedenslager „für die nächsten zwanzig Jahre“ geschwächt; die Friedensfraktion habe „keinen Plan B“ gehabt. Sie nennt es eine „weitere Nakba“ — eine selbst verschuldete Katastrophe der Liberalen, die den Fehler gemacht hätten, Arafat zu glauben. Trotzdem endet der Abschnitt mit einem Bekenntnis: Sie sei „immer noch eine Liberale“.

Abschließend ordnet Tishby die innerisraelische Debatte in drei Lager: die „Falken“ (rechts) befürworten die Siedlungen, die „Tauben“ (links) lehnen sie ab, die Mitte will vor allem „einen guten Deal“. Zahlen (Stand 2020): rund 2,9 Millionen Palästinenser und 463.901 jüdische Siedler im Westjordanland — bei der Siedlerfrage gehe es um etwa fünf Prozent der israelischen Bevölkerung. Selbst die Rechte habe nie eine vollständige Annexion durchgeführt: Begin gab den Sinai an Ägypten zurück, Sharon ordnete 2005 den Abzug aus Gaza an, Netanjahu gab 2020 eine erwogene Teilannexion für Friedensverträge mit den VAE und Bahrain auf.

„Niemand will das gesamte Westjordanland annektieren und die Palästinenser kontrollieren.“

Ayelet Shaked, zitiert Kap. VIII, S. 200

Einordnung & Kritik

Kapitel VIII ist das Kapitel, in dem Tishby am stärksten gegen den eigenen Strich bürstet — und gerade deshalb am ehrlichsten und am angreifbarsten zugleich.

Die Stärke: Selbstkritik. Anders als in den Kapiteln über die arabische Feindseligkeit nimmt Tishby hier ein Problem der eigenen Seite ins Visier. Sie eröffnet mit ihrem Unbehagen, zitiert das entlarvende Eschkol-Wort von der „Mitgift ohne die Braut“, nennt den Siedlungsbau einen Hauptgrund für die internationale Feindseligkeit und hält das Massaker eines jüdischen Siedlers fest. Dass sie sogar Israels eigene Rechtskonstruktion als „kreatives rechtliches Kauderwelsch“ bezeichnet, ist bemerkenswert offen.

Die Schwäche I: die „Nicht-Besatzungs“-These. Tishbys Wiedergabe der israelischen Rechtsposition — das Gebiet sei nie Teil eines anerkannten Staates gewesen, also gebe es keinen Besatzer — ist international stark umstritten. Die ganz überwiegende Staatengemeinschaft, zahlreiche UN-Resolutionen und der Internationale Gerichtshof bewerten das Westjordanland als besetztes Gebiet und die Siedlungen als völkerrechtswidrig (so das IGH-Gutachten von 2004 zum Mauerbau, bestätigt 2024). Indem Tishby beide Positionen als „Kauderwelsch“ relativiert, stellt sie eine Minderheitsauffassung rhetorisch auf Augenhöhe mit dem völkerrechtlichen Mainstream — ein geschickter, aber irreführender Zug. „Besetztes Gebiet“ ist nicht eine von zwei gleichwertigen Lesarten, sondern die nahezu durchgängige völkerrechtliche Bewertung.

Die Schwäche II: die Camp-David-Erzählung. Tishbys Darstellung, Barak habe „mehr als 90 Prozent“ angeboten und allein Arafats Nein habe alles zerstört, ist die klassische israelische Lesart — aber historisch verkürzt. Das Angebot war territorial fragmentiert (kein zusammenhängender Staat, Streit um Ostjerusalem und die heiligen Stätten), und auch amerikanische und israelische Beteiligte (etwa der Verhandler Robert Malley) haben später widersprochen, die Schuld liege ausschließlich bei Arafat. Tishbys Quellen sind hier auffällig parteiisch: ein „befreundetes Mitglied der israelischen Delegation“ und ein dezidiert israel-affiner Terrorismusexperte. Die Korruptionsvorwürfe gegen Arafat sind ernst zu nehmen, die Schadensbilanz aber monokausal ihm zuzuschreiben, blendet die Mitverantwortung der israelischen Siedlungs- und Sicherheitspolitik aus.

Die Asymmetrie. Bezeichnend ist die unterschiedliche Behandlungstiefe. Das Hebron-Massaker eines jüdischen Siedlers wird in wenigen Sätzen abgehandelt und sofort als „von allen Seiten verurteilt“ relativiert; Arafats Versagen entfaltet Tishby über mehrere Seiten mit Zahlen, Zitaten und Expertenurteil. Siedlergewalt erscheint als bedauerliche Ausnahme, palästinensischer Terror als strukturelles Muster. Diese Gewichtung ist die der Aktivistin, nicht der neutralen Chronistin.

Fazit: Kapitel VIII ist Tishbys mutigstes und zugleich tendenziösestes. Mutig, weil sie die Siedlungen als Problem der eigenen Seite benennt; tendenziös, weil ihre Rechts- und Geschichtsdeutung („keine Besatzung“, „allein Arafat schuld“) eine Minderheits- bzw. Parteiposition als ausgewogen präsentiert. Wer das Kapitel als engagiertes Plädoyer liest und die externen Korrekturen mitdenkt, gewinnt am meisten.