Israel · Noa Tishby
Kapitel IV · S. 71–92

Eine kurze Geschichte des Zionismus

Wie aus jahrhundertelanger Verfolgung eine Befreiungsbewegung wurde — erzählt entlang des Lebens von Tishbys Großmutter Fania, die mit fünfzehn ihr Leben aufs Spiel setzte, um Jüdin und Sozialistin sein zu dürfen. Im Kern steht eine These: Antisemitismus ist ein Frühwarnsystem, und der Zionismus die rationale Antwort darauf.

Kapitel IV ist das historische Herzstück des ersten Buchteils. Tishby beantwortet darin die Frage, die im öffentlichen Streit fast immer gestellt, aber selten geklärt wird: Was ist Zionismus eigentlich — und warum gibt es ihn? Ihre Antwort kommt nicht als Lexikoneintrag, sondern als Familiengeschichte. Im Mittelpunkt steht ihre Großmutter Fania Artzi, geborene Tomaschow, liebevoll „Safta Fania“ genannt — eine junge Jüdin aus Weißrussland, deren Tagebücher das halbe Kapitel tragen.

1Eine starke, zähe Familie — und eine bolschewistische Verheißung

Tishby eröffnet mit einer Szene von brutaler Wucht: In einer warmen Julinacht 1918, im Keller eines Hauses in Jekaterinburg, werden der letzte Zar Nikolaus II., seine Frau, die vier Töchter und der kränkliche Sohn von Bolschewiken aus nächster Nähe erschossen. In die Unterwäsche der Romanow-Mädchen seien Diamanten eingenäht gewesen, an denen die Kugeln abprallten, sodass die Männer „wieder und wieder schießen mussten“. Als dieses Blutbad geschah, war Fania elf Jahre alt.

Mit dieser Szene setzt Tishby ihren erzählerischen Grundton: Große Geschichte wird stets über Menschen erfahrbar, über das, was die eigene Familie sah, hörte und niederschrieb. Die dreihundertjährige Romanow-Dynastie habe sich nicht den „wechselnden Strömungen der Geschichte“ anpassen können; statt eines geordneten Rückzugs ende sie in einer Kellerszene, die sich „anhört wie ein Tarantino-Remake“. So begann die Herrschaft der Bolschewiken.

KernideeTishby erzählt die Entstehung des Zionismus nicht als abstrakte Ideengeschichte, sondern als Antwort verfolgter Menschen auf konkrete Bedrohung — verkörpert in der Biografie ihrer Großmutter Fania.

Die Bolschewiken, schreibt Tishby, hätten „eine fabelhafte Idee“ gehabt, doch „die Umsetzung war katastrophal“. Als Marxisten predigten sie eine klassenlose Gesellschaft, in der alle gleich seien — und gerade das wirkte nach Jahrhunderten brutaler Monarchie auf viele junge Menschen, auch auf die junge Fania, „wie ein Wunder“.

Unter uns jungen Erwachsenen, den stolzen Bürgern von morgen, den Bürgern eines freien Landes, herrscht große Aufregung. Ein Land, das wir von Grund auf neu aufbauen müssen, ein Land, in dem die Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung so groß sind!

Tagebuch Fania Artzi, zit. Kap. IV, S. 72

Tishby übersetzt diese „etwas frühreife Prosa“ trocken: „Sie war wirklich begeistert.“ Dann folgt der Satz, der das ganze Kapitel grundiert: „Nun, das klang alles großartig — es sei denn, man war Jude.“ Fania stammte aus Babrujsk (heute Belarus); von rund 70.000 Einwohnern seien etwa 70 Prozent Juden gewesen. Auch diese jüdischen Kinder traten „ganz berauscht vom sozialistischen Idealismus“ dem kommunistischen Jugendverband Komsomol bei. Doch bald spürten sie, „dass die Revolution nicht für sie bestimmt war“.

2Der Wendepunkt: ein Junge nach Sibirien

Der Bruch kommt in einer einzigen, exemplarischen Episode. Als weißrussische Studenten baten, ihre Sprache lernen zu dürfen, wurde der Wunsch erfüllt. Als jedoch ein jüdischer Junge aus Fanias Schule bat, Hebräisch lernen zu dürfen, wurde er „als Konterrevolutionär gebrandmarkt und nach Sibirien verbannt“. Diesen Vorfall beschrieb Fania als ihren persönlichen Wendepunkt.

Warum, so fragten sie und ihre Freundinnen sich, versuchte diese angeblich »freie« Republik, die Juden zu vernichten?

Kap. IV, S. 73 (sinngemäß nach Fanias Schilderung)

Von da an machten sich Fania und ihre Freunde auf die Suche nach einem Ort, an dem es sicher war, Jude zu sein. Genau diese Suche ist der Kern dessen, was später Zionismus heißen wird: nicht Eroberung, sondern Zuflucht.

Der Schlüsselmoment ist kein großes Manifest, sondern ein verbannter Schuljunge. Zionismus entsteht dort, wo das Versprechen der Gleichheit für Juden zurückgenommen wird.

1924 fällt Fania ein Pamphlet in die Hände: Hechaluz — „Der Pionier“. Die Bewegung war vom jüdisch-russischen Kriegshelden Joseph Trumpeldor gegründet worden und beschrieb „genau das, wonach meine Großmutter suchte“: Wiederaufbau der alten Heimat auf Grundlage gemeinschaftlichen Lebens, gemeinsamen Besitzes, Selbstversorgung — „und ein sicherer Ort für die Juden, wo sie endlich frei sein konnten“. Die Verbindung von jüdischer Identität und sozialistischem Ideal war die Lösung: „Eine Bewegung, die es ihr ermöglichte, Jüdin und Sozialistin zu sein!“

Es gab nur ein Problem: Sie war fünfzehn, die Bewegung nahm niemanden unter achtzehn auf. Also gründete sie kurzerhand einen eigenen Ableger, die „Jungen Pioniere“ — ein lebensgefährlicher Schritt, denn die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe war im bolschewistischen Russland „ein Ticket für Dauerurlaub in der sibirischen Wildnis“. Bei der Aufnahmeprüfung wurden ihr zwei Fragen gestellt, die zeigen, dass die soziale Frage von Anfang an mitgedacht war:

A. Wie stelle ich mir den Aufbau des Landes vor? … Werden wir die Manager sein und die Araber die einfachen Arbeiter? Oder durch einfache Arbeit der Juden selbst? Und B. Bin ich persönlich bereit, auf die »Karriere« zu verzichten … und stattdessen nach Israel zu kommen, um als einfache Arbeiterin alle Tätigkeiten zu verrichten?

Tagebuch Fania Artzi, zit. Kap. IV, S. 74

Schon die jungen Pioniere wollten ausdrücklich nicht Herren über arabische Arbeiter werden, sondern selbst körperlich arbeiten. Sie trafen sich nachts in den Wäldern, lasen verbotene Autoren wie Pinsker und Borochov, lernten heimlich Hebräisch — eine Sprache, die zuvor „zwei Jahrtausende lang nur von Bibelgelehrten“ verwendet worden war. Die Rückkehr der Sprache und die Rückkehr ins Land gehören in Tishbys Darstellung untrennbar zusammen.

3Der aufgegessene Brief — Flucht nach Jaffa

Die eindringlichste Szene des Kapitels: 1924 hatte sich ein Spitzel eingeschlichen, übergab den Behörden eine Namensliste, fast alle Mitglieder wurden „nach Sibirien ins Arbeitslager gesteckt“. Fania entging der Verbannung nur knapp. Als die GPU, die Geheimpolizei, zur Hausdurchsuchung kam, hatte sie einen belastenden Brief bei sich — und keine Möglichkeit, ihn loszuwerden.

Wenn sie den Brief finden, werde ich sofort und ohne Prozess nach Sibirien geschickt. … Die Anweisung lautete, den Brief zu essen. Ich erinnere mich heute noch an den Geschmack des Papiers in meinem Mund. Sie stellten das Haus auf den Kopf …, fanden aber nichts.

Tagebuch Fania Artzi, zit. Kap. IV, S. 76

Die GPU drohte: „Wir kommen wieder.“ Darauf wollte Fania nicht warten — sie floh. Kurz darauf verließ die Familie Russland „völlig mittellos“ und ging in Odessa an Bord eines Schiffes, „auf dem Nagetiere und Diebe ihr Unwesen trieben“. Diese Folge verdichtet, worum es Tishby im ganzen Buch geht: Der Aufbruch nach Israel war für Menschen wie ihre Großmutter keine koloniale Expansion, sondern Flucht vor tödlicher Verfolgung.

Babrujsk Weißrussland · Heimat Odessa Hafen · Einschiffung Jaffa Ankunft 1925 Flucht statt Reise — völlig mittellos
Fanias Weg von Babrujsk über die Einschiffung in Odessa bis zur Ankunft in Jaffa 1925 (nach Kap. IV, S. 73–76).

Was Fania 1925 in Jaffa antraf, war zunächst „schlicht eine Katastrophe“. Das Schiff ankerte weit vor der Küste, die Passagiere wurden mit kleinen Booten an Land gebracht. In der Altstadt wurden die Ankömmlinge zugleich Zeugen einer arabischen Beerdigung und einer jüdischen „Adlojada“, eines Purim-Karnevalsumzugs — Trauer und Fest, arabisches und jüdisches Leben in einem einzigen Moment. Das alte Jaffa erscheint als „ein einziges Durcheinander — zerfallen, schmutzig und gefährlich“, weit entfernt vom idealistischen Traum aus den Wäldern von Babrujsk. Was war dieser Zauber, der eine Fünfzehnjährige ihr Leben riskieren ließ? Man nannte es Zionismus.

4Der Kanarienvogel — und Russlands langer Antisemitismus

Bevor Tishby den Zionismus definiert, stellt sie ihre Grundthese voran. Sie greift den Guardian-Journalisten Jonathan Freedland auf, der angesichts wachsenden Antisemitismus in der britischen Labour Party unter Corbyn schrieb: „Die Juden sind der Kanarienvogel im Kohlebergwerk.“ Bergleute nahmen Kanarienvögel als lebende Kohlenmonoxid-Detektoren mit; starb der Vogel, war es Zeit zu fliehen.

Wenn sich eine Gesellschaft gegen ihre jüdische Bevölkerung wendet, ist das in der Regel ein Zeichen für eine tiefergreifende Krankheit. … Wenn das Virus einmal da ist, ruht es nicht, bis es den ganzen Körper infiziert hat.

Jonathan Freedland, Guardian, zit. Kap. IV, S. 78
KernideeAntisemitismus ist kein Randphänomen, sondern ein Frühwarnsystem für den Gesundheitszustand einer ganzen Gesellschaft. Der Zionismus ist in Tishbys Lesart die rationale Reaktion auf eine Bedrohung, die historisch immer wieder tödlich wurde.

Um zu zeigen, dass der Hass nicht erst mit den Bolschewiken begann, zeichnet Tishby die russische Verfolgungsgeschichte nach. 1791 richtete Katharina die Große den Ansiedlungsrayon ein: Juden durften nur noch in bestimmten Grenzgebieten siedeln, dazu Entzug der Staatsbürgerschaft, Sondersteuern und Propaganda, die Juden seien „das Grundproblem“. 1827 verfügte Nikolaus I. — „der russische Haman“ — eine Zwangsrekrutierung jüdischer Kinder ab zwölf Jahren zu bis zu fünfundzwanzig Jahren Militärdienst: „Ja, diese Zahlen sind tatsächlich korrekt.“ Ab etwa 1821 organisierte Pogrome („Die Stürme im Süden“); nach der Ermordung Alexanders II. 1881 diente der Mord als Vorwand zur Repression.

1791 Ansiedlungs- rayon 1827 Zwangs- rekrutierung 1881 Pogrom- welle 1903 „Protokolle“ 1918 Romanow- Erschießung
Etappen der Verfolgung, die den Zionismus zur Notwendigkeit machten (nach Kap. IV, S. 78–79).

1903 entlud sich der Hass in „einer der ersten viral gehenden Fake News überhaupt“: den Protokollen der Weisen von Zion. Das von der zaristischen Geheimpolizei verfasste Dokument behauptete eine globale jüdische Verschwörung zur Weltherrschaft. Tishby führt die Absurdität mit Zahlen vor: Damals lebten etwa 10,6 Millionen Juden bei 1,6 Milliarden Menschen — rund 0,6 Prozent, überall diskriminiert. „Wie hätte da eine Übernahme der Weltherrschaft überhaupt funktionieren sollen?“ Dennoch wirkte die Fälschung: Henry Ford verbreitete sie ab 1920 in seiner Zeitung; die Schrift wurde zum Bestseller, „der zur Ermordung und Vertreibung Hunderttausender Juden führte“. Ihr Fazit: „Die jüdische Bevölkerung brauchte dringend ein Rettungsboot. Hier schlug die Stunde der zionistischen Bewegung.“

JahrEreignisFolge für die Juden
1791Katharina die Große richtet den Ansiedlungsrayon einWohnzwang in Grenzgebieten, Entzug von Rechten
1827Nikolaus I. verfügt ZwangsrekrutierungKinder ab 12 zu bis zu 25 Jahren Militärdienst
ab 1821 / 1881Pogrome, Mord an Alexander II.Gewalt, Vertreibung, staatlicher Vorwand zur Repression
1903„Protokolle der Weisen von Zion“ erscheinenFake-News-Mythos, der Mord und Vertreibung anheizt
1918Revolution / Erschießung der ZarenfamilieAnfangshoffnung, dann erneute Ausgrenzung

5Theodor Herzl — und was Zionismus heißt

Der Zionismus entstand vor dem Hintergrund eines geistigen Aufbruchs in Europa. Erste Vordenker wie Rabbiner Alkalai (1843) oder Moses Hess (Rom und Jerusalem, 1862) forderten ein jüdisches Heimatland. Den Begriff „Zionismus“ prägte 1890 Nathan Birnbaum; ins öffentliche Bewusstsein brachte ihn ab 1896 Theodor Herzl, „der geistige Vater des modernen Staates Israel“.

Herzl, 1860 in Budapest geboren, war zunächst „Kulturjude“ und glaubte an Assimilation. Als Pariser Korrespondent erlebte er jedoch die Dreyfus-Affäre: Bei der Degradierung des fälschlich verurteilten jüdischen Offiziers brüllte die Menge „Tod dem Juden!“. Herzl erkannte, dass Assimilation den Hass nicht beseitigt — und vollzog eine „180-Grad-Wendung“. 1896 schrieb er Der Judenstaat.

Die Notlage der Juden wird niemand leugnen. In allen Ländern, wo sie in merklicher Anzahl leben, werden sie mehr oder weniger verfolgt. … Man versucht, sie aus dem Geschäftsverkehr hinauszudrängen: »Kauft nicht bei Juden!«

Theodor Herzl, Der Judenstaat, zit. Kap. IV, S. 85

Seine Schlussforderung — „Man gebe uns die Souveränität … eines genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen“ — war die Bitte um internationale Anerkennung eines jüdischen Staates. Das empfänglichste Publikum war das russische Judentum — und so fand die Idee „ihren Weg zu meiner Großmutter“. 1897 organisierte Herzl den Ersten Zionistenkongress in Basel: 208 Delegierte aus 16 Ländern einigten sich auf vier Hauptpunkte — Aufbau einer Heimat auf Grundlage von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit, Ermutigung zur Alija, Wiederbelebung des Hebräischen, Solidarität gegen Antisemitismus.

In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. … Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.

Theodor Herzl, Tagebuch 1897, zit. Kap. IV, S. 87f.

Fast auf den Tag genau fünfzig Jahre später stimmten die Vereinten Nationen für die Gründung eines jüdischen Staates — erst nach Herzls Tod. In seinem Roman AltNeuLand (1902) entwarf er eine Gesellschaft mit voller Gleichberechtigung aller Rassen, Religionen und Ethnien, Trennung von Kirche und Staat und dem Slogan „Mensch, du bist mein Bruder“. Sein berühmter Schlusssatz fasst die Bewegung: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“

Zionismus

Nationale Befreiungsbewegung der Juden mit dem Ziel, in der angestammten Heimat Sicherheit und Selbstbestimmung zu erlangen. Abgeleitet von „Zion“, einem biblischen Namen Jerusalems.

Hechaluz

„Der Pionier“: von Joseph Trumpeldor gegründete Bewegung zum Wiederaufbau der Heimat durch gemeinschaftliches Leben, gemeinsamen Besitz und eigene Arbeit.

Alija

Hebräisch „Aufstieg“: die Einwanderung von Juden nach Israel. Auf dem Ersten Zionistenkongress als Programmpunkt verankert.

Pogrom

Organisierte, oft staatlich geduldete Gewaltwelle gegen Juden. In Russland ab etwa 1821 („Stürme im Süden“), verschärft nach 1881.

Ansiedlungsrayon

1791 von Katharina der Großen geschaffene Zone, in der Juden im Russischen Reich allein siedeln durften — ein großräumiges Ghetto.

Protokolle der Weisen von Zion

Fälschung der zaristischen Geheimpolizei (1903), die eine „jüdische Weltverschwörung“ erfand — eine der wirkmächtigsten Fake News der Geschichte.

Im zweiten Teil kehrt Tishby zur Definition zurück. Sie erzählt, wie sie selbst Zionismus für „selbstverständlich“ hielt — bis sie auf einer Fähre nach Ios einem deutschen Teenager begegnete, der den Holocaust leugnete. Ihre Definition hält sie schlicht: Beim Zionismus gehe es darum, „dass die Juden, wie jede andere Nation auch, ihr winziges Stück angestammtes Land selbst verwalten dürfen“. Er sei „einfach ausgedrückt: eine nationale Befreiungsbewegung“ — und: „Dem Zionismus ging es nie darum, einen ausschließlich jüdischen Staat zu erschaffen.“ Mit ihrem Freund Gidi Grinstein beschreibt sie den Zionismus „als ein Verb, etwas, das immer noch aktiv ist“. Daraus folgt: „Sich als Zionistin zu bezeichnen bedeutet nicht, dass man blindlings alles gutheißt, was die israelische Regierung tut.“

Tishbys Kerndefinition: Zionismus ist die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes — das Recht, wie jede Nation einen eigenen Staat zu haben — und keineswegs die Zustimmung zu jeder Regierungspolitik.

Das Kapitel schließt den Bogen zurück zu Fania: „In einer weißrussischen Kleinstadt, während draußen Schneestürme tobten, setzte sie ihr fünfzehnjähriges Leben aufs Spiel, um ihren Traum zu verwirklichen.“ Der Zionismus war „eine verrückte Idee, wie große Ideen eben immer verrückt sind. Bis sie es nicht mehr sind. Bis jemand sie verwirklicht.“

6Einordnung & Kritik

Tishbys Stärke ist zugleich ihre Grenze. Sie erzählt große Geschichte konsequent über ihre eigene Familie — eindringlich, anschaulich und emotional zwingend, aber auch selektiv. Die Schilderung des russischen Antisemitismus von Katharina der Großen bis zu den Pogromen und den Protokollen ist historisch solide und entspricht dem Forschungsstand; ebenso die Darstellung des Zionismus als Reaktion verfolgter Juden, nicht als koloniales Projekt. Wer den Zionismus pauschal als „Kolonialismus“ abtut, wird durch dieses Kapitel mit guten Gründen zum Widerspruch herausgefordert.

Kritisch ist jedoch zweierlei. Erstens kommt die Perspektive der bereits im Land lebenden Araber kaum vor — sie erscheinen fast nur als Randfiguren in Fanias Ankunftsszene oder als hypothetische „einfache Arbeiter“ in der Prüfungsfrage. Die Frage, was die jüdische Einwanderung für die ansässige Bevölkerung bedeutete, blendet das Kapitel weitgehend aus; Tishby verweist sie ausdrücklich auf spätere Kapitel („dazu kommen wir später“, S. 83). Zweitens erscheint der Zionismus hier nahezu ausschließlich als Opfer- und Befreiungsgeschichte; konkurrierende Ansprüche auf dasselbe Land treten zurück.

Fair festzuhalten ist, dass Tishby diese Einseitigkeit nicht verschleiert. Sie schreibt erklärtermaßen als „linke Israelin“ und Aktivistin, betont die Wandelbarkeit des Zionismus und räumt ein, dass auch das palästinensische Volk „diesen Drang und dieses Bedürfnis nach Selbstverwaltung“ habe (S. 83). Das Kapitel ist keine neutrale Historiografie, sondern eine engagierte Aufklärungsschrift mit klarer Perspektive — das sollte man mitlesen. Als Einführung in die Frage, warum es den Zionismus gibt und warum er für seine Anhänger Befreiung und nicht Eroberung bedeutet, ist es gleichwohl ungewöhnlich klar, gut belegt und menschlich glaubwürdig.

FazitEin erzählerisch starkes, historisch im Kern solides Kapitel, das den Zionismus überzeugend als Befreiungsbewegung herleitet — aber die arabische Gegenperspektive ausspart und bewusst aus der Position einer engagierten Zionistin schreibt.