Israel · Noa Tishby
Kapitel IX · S. 207–242

Araber

Tishbys großer Differenzierungsversuch: Wer „die Araber“ oder „die Palästinenser“ in einen Topf wirft, hat das Kapitel schon missverstanden. Es gebe nicht eine arabische Realität, sondern drei völlig verschiedene — die der arabischen Israelis, die im Gazastreifen und die im Westjordanland. Hier ist Tishby zugleich am stärksten (ihre Hamas-Kritik) und am angreifbarsten (ihr Bild der arabischen Israelis).

Das neunte Kapitel ist Tishbys großer Differenzierungsversuch. Sie zerlegt ein Wort, das in westlichen Debatten als monolithischer Block auftritt — „die Araber“, „die Palästinenser“ —, in drei sehr unterschiedliche Lebenswirklichkeiten: die rund 1,9 Millionen arabischen Israelis, die als vollberechtigte Bürger im Staat leben; die knapp zwei Millionen Palästinenser im Gazastreifen unter der Herrschaft der islamistischen Hamas; und die Palästinenser im Westjordanland unter einer schwachen Autonomiebehörde und israelischer Militärpräsenz. Tishby ist hier zugleich am stärksten — ihre Hamas-Kritik ist faktengesättigt und mit echten Quellen belegt — und am angreifbarsten, weil sie die Lage der arabischen Israelis tendenziell zu sonnig zeichnet. Dieses Kapitel zeigt die Aktivistin und die Aufklärerin in einer Person.

1Drei Realitäten, ein Volk

Tishbys Grundbewegung ist eine Entflechtung. Wer die Region und die Probleme des palästinensischen Volkes verstehen wolle, müsse sich zuerst die Hindernisse vergegenwärtigen, die durch geografische Lage, Konfliktgeschichte, politische Fraktionen und unterschiedliche religiöse Ziele entstehen. Man könne nicht pauschal Israel für die Lage der Palästinenser verantwortlich machen, sondern müsse zunächst verstehen, dass es bei ihnen drei sehr unterschiedliche Fraktionen gebe. Diese Dreiteilung ist das Gerüst des gesamten Kapitels.

Je genauer man hinschaut, desto komplizierter wird es.

Kap. IX, Überschrift, S. 238

Die erste Gruppe sind die arabisch-israelischen Palästinenser. Sie haben, so Tishby, die vollen gesetzlichen Rechte — wenn auch mit, wie sie ausdrücklich einräumt, berechtigten ethnischen und sozioökonomischen Sorgen: Menschenrechte, Wahlrecht, Meinungsfreiheit und das Recht, zu lieben, wen sie wollen. Die zweite Gruppe sind die Palästinenser im Westjordanland, die mit einer schwachen palästinensischen Selbstverwaltung und/oder der ständigen Präsenz des israelischen Militärs leben. Die dritte Gruppe sind die Palästinenser im Gazastreifen, die mit der Blockade durch Israel und Ägypten leben und von der Hamas unter der Scharia regiert werden — in Tishbys scharfer Formulierung eine „brutale Diktatur, ohne Sicherheit, Wohlstand oder grundlegende Menschenrechte“.

Tishbys Dreiteilung der arabischen bzw. palästinensischen Realitäten Arabische Israelis Westjordanland Gazastreifen ~1,916 Mio. Volle Bürgerrechte Wahlrecht, Knesset LGBTQ+-Schutz Gleichheit M / F aber: Ungleichheit, Segregation, Rassismus ~1,9 Mio. Autonomiebehörde Gebiete A & B Checkpoints, Mauer Militärkontrolle Besatzung, eingeschränkte Rechte ~2 Mio. Hamas-Herrschaft Scharia-Doktrin Blockade IL + EG „offenes Gefängnis“ keine Sicherheit, keine Menschenrechte
Tishbys Dreiteilung der arabischen bzw. palästinensischen Lebenswirklichkeiten (Kap. IX). Eigene Darstellung nach S. 207–239.
KernideeTishbys analytischer Hauptzug ist die Aufspaltung des pauschalen Begriffs „die Araber“. Erst wenn man die drei Realitäten — gleichberechtigte Staatsbürger, besetztes Westjordanland, islamistisch beherrschtes Gaza — voneinander trennt, löst sich der Eindruck einer einheitlichen Unterdrückungslage auf, und die sehr verschiedenen Ursachen werden sichtbar.

2Arabische Israelis: gleiche Rechte

Tishby beginnt mit der ersten und für westliche Leser oft überraschendsten Realität: dem Leben der arabischen Bürger innerhalb der Grenzen Israels. Heute lebten etwa 1.916.000 arabische Bürgerinnen und Bürger in Israel — rund ein Fünftel der Bevölkerung. Fünfundachtzig Prozent von ihnen seien Muslime, die übrigen Christen und Drusen, jene Gruppe, die aus dem schiitischen Islam hervorgegangen sei und eigene Regeln entwickelt habe.

Der entscheidende Punkt ist für Tishby der Rechtsstatus. Arabische Israelis genössen gleiche Rechte für Männer und Frauen und Schutz für die LGBTQ+-Community — Freiheiten, die nirgendwo sonst im gesamten Nahen Osten gewährt würden. Die gleichgeschlechtliche Ehe sei in Israel gesetzlich anerkannt.

Arabische Israelis genießen gleiche Rechte für Männer und Frauen und Schutz für die LGBTQ+-Community. Keine dieser Freiheiten wird irgendwo sonst im gesamten Nahen Osten gewährt.

Kap. IX, S. 216

Sie verdeutlicht das mit einem scharfen Kontrast: Ein arabischer Mensch der LGBTQ+-Community, der in Israel lebe, habe ein besseres Leben als irgendwo sonst in der Region, wo ein Mitglied dieser Gemeinschaft „ganz buchstäblich zu Tode gesteinigt werden kann“. Besonders eindringlich ist Tishbys Aufzählung der gelebten Integration: Jedes Straßenschild und jedes Produkt sei sowohl auf Hebräisch als auch auf Arabisch beschriftet. Sie nennt Namen — den Richter George Karra, den Vorstandsvorsitzenden der größten israelischen Bank Samer Haj Yehia, den drusischen IDF-Oberst Hisham Ibrahim, der 2020 zum Unabhängigkeitstag eine Fackel entzünden durfte, sowie die Fernsehmoderatorinnen Lucy Aharish und Lucy Ayoub.

Von den Ärzten und Krankenschwestern in israelischen Krankenhäusern sind 20,8 Prozent Araber; die Mehrheit der Apotheker sind Araber … Ich fühle mich wie eine Rassistin, weil ich diese Liste aufstellen muss, aber das ist keine Alibiveranstaltung. Es ist die Realität vor Ort, mit all ihren Herausforderungen und Komplexitäten.

Kap. IX, S. 210 f.

Wichtig für die Fairness des Kapitels ist, dass Tishby nicht bei der Erfolgsgeschichte stehen bleibt. Wie bei allen Minderheiten der Welt sei auch ihre Situation nicht perfekt: Die Einkommen seien ziemlich ungleich verteilt, Ressourcen umkämpft, die Selbstsegregation — von der Wohnsituation bis zum Bildungswesen — weit verbreitet. Und sie schreibt einen Satz, der ihre Position vor dem Vorwurf der Schönfärberei schützen soll:

Und ja, Rassismus ist auch in Israel, wie überall auf der Welt, leider immer noch lebendig und muss verurteilt und überwunden werden.

Kap. IX, S. 211

Als statistisches Rückgrat zieht Tishby eine Umfrage des Soziologen Sammy Smooha von der Universität Haifa heran: 77,4 Prozent der in Israel lebenden arabischen Bürger gaben an, nicht in einen palästinensischen Staat umziehen zu wollen, falls ein solcher gegründet würde. Für Tishby ist das der schlagende Beleg gegen die Behauptung, arabische Israelis lebten in einem Unterdrückungsregime, dem sie zu entkommen wünschten. Sie hängt daran eine Szene: In Jair Lapids Lieblingscafé in Tel Aviv aß eine Familie orthodoxer Juden neben einem Tisch mit Hijab-tragenden Mädchen — und das Café gehöre einem Araber, Paras Kaaba, und sei zugleich das einzige koschere Lokal im Viertel.

Das ist Israel. Araber und Juden, links und rechts, entspannen sich an einem sonnigen Nachmittag in Tel Aviv bei einem Espresso. … Die Realität ist viel differenzierter und manchmal auch sehr viel schöner.

Kap. IX, S. 211

3„Wie war das noch mal mit der Apartheid?“

Aus all dem zieht Tishby ihre kämpferischste rhetorische Frage. Die volle bürgerliche Gleichstellung, der LGBTQ+-Schutz, eine arabische Drittpartei im Parlament 2020, der hohe Anteil arabischer Ärzte und Apotheker — das führt sie zu einer pointierten Zurückweisung des Apartheid-Vorwurfs.

Hinzu kommt, dass bei der dritten Wahl innerhalb eines Jahres in Israel im Jahr 2020 eine arabische Partei drittstärkste politische Kraft wurde. Wie war das noch mal mit der Apartheid?

Kap. IX, S. 210

Sie verschärft die Position noch: Der Versuch, Israel als Apartheidstaat zu bezeichnen, sei angesichts der Smooha-Umfrage eine „Übung in mentaler Gymnastik, oder Schlimmeres“. Hier zeigt sich die Aktivistin am deutlichsten — und hier liegt zugleich der umstrittenste Wertungssatz des Kapitels. Wichtig ist die innere Balance: Tishby behauptet nicht, Israel sei frei von Diskriminierung; sie bestreitet, dass der spezifische, rechtlich aufgeladene Begriff „Apartheid“ — ein System staatlich verordneter Rassentrennung mit unterschiedlichen Rechtsständen — auf die Lage arabischer Staatsbürger zutreffe.

Für die erste der drei Realitäten lautet Tishbys Befund: gleiche Rechte auf dem Papier und reale Diskriminierung im Alltag. Beides gilt gleichzeitig — und genau diese Gleichzeitigkeit ist der Grund, warum sie den pauschalen Apartheid-Vorwurf für falsch hält, ohne den realen Rassismus zu leugnen.

Mit dem Satz, dass die Realität für Menschen innerhalb der Grenzen Israels eine sei, für etwa 1,9 Millionen Palästinenser jedoch eine ganz andere, leitet Tishby zur zweiten Realität über. Deren Leben sei „hart, theokratisch, gewalttätig, von Armut, Unterdrückung und Hoffnungslosigkeit geprägt“ — das „offene Gefängnis“, das auch als Gazastreifen bekannt sei.

MerkmalArabische IsraelisWestjordanlandGazastreifen
Bevölkerung (ca.)1,916 Mio.1,9 Mio.2 Mio.
Rechtsstatusvolle StaatsbürgerAutonomie A & BHamas-Herrschaft
Wahlrecht / Knessetja (3. Kraft 2020)nur PA-Wahlenkeine freien Wahlen
Bürgerrechte / LGBTQ+geschützteingeschränktScharia, Verfolgung
Sicherheit / Kontrolleisraelischer StaatIDF + CheckpointsBlockade IL + EG
Tishbys Hauptkritik richtet sich anIsrael (Rassismus)Besatzung + PAHamas

4Muslimbruderschaft, Scharia, Yasin

Tishbys methodischer Grundsatz für Gaza lautet: Um die Hamas zu verstehen, müsse man die Muslimbruderschaft verstehen — eine sunnitische islamistische Bewegung, 1928 in Ägypten entstanden, mit dem Ziel, das islamische Recht (die Scharia) überall einzuführen, beginnend im Nahen Osten. Sie fügt eine drastische Beschreibung der Scharia in ihrer striktesten Lesart ein: Eine vergewaltigte Frau müsse vier männliche Zeugen vorweisen, andernfalls drohe ihr eine Verurteilung wegen Ehebruchs; Homosexualität werde mit Steinigung, geringfügiger Diebstahl mit dem Abhacken einer Hand bestraft.

Die Scharia, um das klarzustellen, ist mit Demokratie, Freiheit, Gleichheit oder Menschenrechten jeglicher Art inkompatibel, umso mehr, wenn man Frau oder Mitglied der LGBTQ+-Community ist.

Kap. IX, S. 218 f.

Der Schlüsselakteur ist für Tishby Ahmad Yasin. Nach dem Sechstagekrieg schloss sich der junge, an den Rollstuhl gefesselte Yasin der Muslimbruderschaft an und organisierte im Umfeld von Moscheen und Schulen das Gemeinschaftsleben in Gaza. Den Wendepunkt datiert Tishby mit Hilfe des israelischen Investigativjournalisten Ronen Bergman auf 1979: Khomeinis Sturz des Schahs habe demonstriert, dass der Islam nicht nur Religion, sondern ein Instrument politischer und militärischer Macht sei.

Doch dann stürzte Ayatollah Khomeini im Iran den Schah. … Er demonstrierte den Muslimen überall, nicht nur den Schiiten, dass der Islam … ein Instrument politischer und militärischer Macht [sei] — dass der Islam eine herrschende Ideologie sein konnte, dass er die Lösung für alles war.

Ronen Bergman, zit. Kap. IX, S. 220

Aus der zunächst auf soziale Wohlfahrtsdienste (die Da’wa) konzentrierten Organisation wurde nun eine Bewegung mit politischen Ambitionen und Dschihad-Programm. Zur Ausführung wurde ein militärischer Flügel gegründet: die Al-Qassam-Brigaden, benannt nach einem islamischen Erweckungsprediger und Terroristen des 20. Jahrhunderts.

5Hamas, Charta und Gaza

Im Dezember 1987 rief Yasin die Islamische Widerstandsbewegung ins Leben, deren arabisches Akronym HAMAS lautet. Sie wolle nicht nur die Scharia einführen, sondern an die Stelle Israels einen islamischen Gottesstaat setzen — durch Blutvergießen. Für die Hamas sei Israel Wakf, ein heiliges islamisches Land, das „gesäubert“ werden müsse.

Von der Muslimbruderschaft zur Hamas-Herrschaft in Gaza 1928 1979 1987 2006 2007 Muslim- bruderschaft Khomeini- Wende, Iran Gründung der HAMAS Wahlsieg in Gaza Putsch gegen PLO
Zeitleiste: von der Muslimbruderschaft (1928) über die Khomeini-Wende (1979) und die Hamas-Gründung (1987) bis zu Wahlsieg (2006) und gewaltsamem Putsch (2007). Eigene Darstellung nach S. 218–224.

Das Herzstück von Tishbys Hamas-Kritik ist die Charta der Bewegung. Sie sei „poetisch“ und spreche in lyrischer Kadenz von Wundern wie jüdischen Bäumen und verlorenen Dschihadistenseelen. Tishby zitiert ausführlich — und besteht darauf, dass alles wortwörtlich so dort steht und mit einer Google-Suche zu finden sei.

Denn unser Kampf gegen die Juden ist äußerst umfassend und ernst, sein Endziel ist der Islam, der Prophet ist sein Vorbild, der Koran seine Verfassung … [Die Bewegung] strebt danach, das Banner Allahs über jedem Zentimeter Palästinas wehen zu lassen.

Hamas-Charta, zit. Kap. IX, S. 221

Das berüchtigtste Zitat ist das vom „jüdischen Baum“, dem Gharqad — ein endzeitliches Motiv, das die Tötung der Juden zum Heilsereignis erklärt. Tishby nimmt vorweg, dass viele Leser es für einen Scherz halten könnten, und stellt klar: Es ist keiner.

Die Zeit (…) wird nicht kommen, solange nicht die Muslime gegen die Juden kämpfen (und sie töten); solange nicht die Juden sich hinter Felsen und Bäumen verstecken, die schreien werden: O Muslim! Hinter mir versteckt sich ein Jude, komm und töte ihn! Dies wird nicht für den Gharqad (…) gelten, der ein jüdischer Baum ist.

Hamas-Charta, zit. Kap. IX, S. 221 f.

Tishbys Schlussfolgerung ist gerade in ihrer Nüchternheit wirkungsvoll: Die Hamas-Doktrin sei sehr klar — „kein Land für Frieden, kein Israel — und die Scharia und der Tod als einziger Weg“. Es handle sich nicht um eine Verhandlungsposition, sondern um ein nicht verhandelbares, theologisch begründetes Vernichtungsprogramm. Sie bindet das an die eigene Biografie: Einer der von Yasins Armee verübten Anschläge ereignete sich nur etwa achthundert Meter von ihrer Wohnung entfernt — in der Dizengoff-Straße, wo der Bus Nummer 5 explodierte und zweiundzwanzig Menschen starben. Auch hinter Gittern blieb Yasin unbeugsam:

»Es wird niemals Frieden geben« … »Solange ich, Scheich Yasin, am Leben bin, werde ich dafür sorgen, dass es keine Friedensgespräche mit Israel gibt. … Noch zehn Jahre, noch hundert Jahre — am Ende werdet ihr vom Angesicht der Erde getilgt.«

Ahmad Yasin, zit. n. Ronen Bergman, Kap. IX, S. 223

Den dramatischsten Teil der Gaza-Geschichte bildet die Abfolge von 2005 bis 2007. 2005 beschloss Premierminister Ariel Sharon den einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen, unterstützt von etwa 60 Prozent der Israelis. Im Januar 2006 gewann die Hamas die ersten palästinensischen Parlamentswahlen — wobei laut palästinensischen Nachforschungen nur etwa 10 Prozent sie wegen ihrer tödlichen Agenda wählten, die Mehrheit aus Protest gegen die Korruption der Autonomiebehörde. 2007 folgte der gewaltsame Putsch.

Die … Al-Qassam-Brigaden stürmten das Hauptquartier der Palästinensischen Autonomiebehörde und nahmen keine Gefangenen. Sie plünderten die Büros, lynchten Menschen vor den Augen ihrer Familien, warfen Mitglieder der Autonomiebehörde von den Dächern oder erschossen sie … etwa 160 Mitglieder der Autonomiebehörde getötet.

Kap. IX, S. 224

Für Tishby ist die zentrale Lehre: Der Rückzug führte nicht zu einem „blühenden Palästina“, sondern zu einem islamistischen Regime, das umgehend Südisrael mit Raketen beschoss — und damit zur größten Abschreckung gegen jede Form von Landabtretung. Im letzten Gaza-Abschnitt kehrt sie die übliche Schuldzuweisung um: Den höchsten Preis zahlten die fast zwei Millionen Bewohner, die unter dem „schrecklichen, kleptokratischen, islamistischen und unterdrückerischen Regime“ leben müssten, das internationale Hilfsgelder in Angriffstunnel, Munition und Drohnen statt in Schulen stecke.

Ja, sage ich, Freiheit für Gaza! Befreit den Gazastreifen von seinem tatsächlichen Unterdrücker, nicht von dem vermeintlichen! Befreit Gaza von der Hamas!

Kap. IX, S. 226

Das Westjordanland behandelt Tishby als nochmals andere Realität: weder die volle Gleichberechtigung Israels noch die islamistische Diktatur Gazas, sondern ein Schwebezustand aus Checkpoints, Bau- und Bewegungsbeschränkungen, einer schwachen Autonomiebehörde unter Mahmud Abbas und der Trennmauer. Als Gegenbild stellt sie die vom palästinensischen Unternehmer Bashar Masri gebaute Modellstadt Rawabi vor — die erste vollständig von Palästinensern für Palästinenser errichtete Stadt — als Beispiel für eine selbstbestimmte, nach vorn gerichtete Zukunft.

Arabische Israelis
Rund 1.916.000 Staatsbürger (ca. 21 %), davon 85 % Muslime, der Rest Christen und Drusen. Volle Bürgerrechte und LGBTQ+-Schutz — bei realer Ungleichheit, Selbstsegregation und Rassismus.
Muslimbruderschaft
Sunnitische islamistische Bewegung, 1928 in Ägypten gegründet, mit dem Ziel weltweiter Scharia. Aus ihrem Gazaer Zweig ging unter Yasin die Hamas hervor.
Hamas
„Islamische Widerstandsbewegung“, 1987 von Ahmad Yasin gegründet. Ziel: islamischer Gottesstaat anstelle Israels, durch Blutvergießen. Wahlsieg 2006, gewaltsamer Putsch 2007.
Scharia
Das islamische Recht. Tishby beschreibt es in strengster Lesart als unvereinbar mit Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Menschenrechten.
Al-Qassam-Brigaden
Militärischer Flügel der Hamas, benannt nach einem Erweckungsprediger und Terroristen. Führten 2007 den Putsch gegen die PLO an.
Rawabi
Modellstadt im Westjordanland, vom Unternehmer Bashar Masri gebaut — die erste vollständig von Palästinensern für Palästinenser errichtete Stadt. Tishbys hoffnungsvolles Gegenbild.

6Einordnung & Kritik

Kapitel IX ist eines der stärksten und zugleich eines der schiefsten des Buches. Seine analytische Leistung liegt in der Dreiteilung: Tishby differenziert klug zwischen arabischen Israelis, Gazastreifen und Westjordanland und durchbricht damit das Bild eines einheitlichen palästinensischen Unterdrückungsschicksals. Wer diese drei Realitäten nicht auseinanderhält, redet an der Wirklichkeit vorbei.

In der Hamas-Kritik ist Tishby faktenstark. Die Charta-Zitate sind echt und nachprüfbar; das Gharqad-Motiv, die Vernichtungsrhetorik und das Bekenntnis zum Tod für die Sache Allahs stehen tatsächlich in der ursprünglichen Hamas-Charta von 1988. Auch die historische Linie — Muslimbruderschaft, Khomeini-Wende, Yasin, Gründung 1987, Rückzug 2005, Wahl 2006, Putsch 2007 — ist solide und durch Bergmans Recherchen gestützt. Dass sie die fast zwei Millionen Bewohner Gazas als die Hauptleidtragenden der Hamas-Herrschaft benennt und nicht pauschal „den Palästinensern“ die Schuld zuschiebt, ist eine faire Pointe.

Zugleich sind die Schlagseiten unverkennbar. Erstens zeichnet Tishby die Lage der arabischen Israelis tendenziell zu positiv. Sie erwähnt zwar Ungleichheit, Selbstsegregation und Rassismus — aber strukturelle Themen, die in der Forschung zentral sind, bleiben unterbelichtet: die Landfragen und Planungsbenachteiligung arabischer Ortschaften, die Ressourcenverteilung und vor allem das 2018 verabschiedete Nationalstaatsgesetz, das das Selbstbestimmungsrecht ausdrücklich dem jüdischen Volk zuschreibt und Arabisch von der Amts- zur Sprache mit „Sonderstatus“ herabstufte. Wer die volle bürgerliche Gleichstellung betont, müsste dieses Gesetz wenigstens nennen.

Zweitens kommt der Besatzungsalltag im Westjordanland zu kurz. Tishby behandelt ihn deutlich knapper als Gaza, räumt zwar Checkpoints und Beschränkungen ein, gerät aber rasch zum hoffnungsvollen Gegenbild Rawabi. Die tägliche Reibung der Besatzung, die Siedlergewalt und die zwei parallelen Rechtsregime bleiben eher Stichwort als Schilderung.

Drittens ist die Zurückweisung des Apartheid-Vorwurfs eine umstrittene Wertung, keine Tatsachenfeststellung. Tishbys Argument zielt auf die arabischen Staatsbürger Israels — und für diese Gruppe ist der Begriff in der Tat schwer zu halten. Der Vorwurf, wie ihn etwa Menschenrechtsorganisationen erheben, bezieht sich jedoch überwiegend auf das Gesamtsystem einschließlich des Westjordanlands mit getrennten Rechtsständen für Siedler und Palästinenser. Indem Tishby ihn am günstigsten Fall misst und mit der Smooha-Umfrage abräumt, weicht sie der härtesten Variante des Arguments aus. Die rhetorische Frage „Wie war das noch mal mit der Apartheid?“ ist wirkungsvoll, ersetzt aber die Auseinandersetzung mit der Gegenposition nicht.

Schließlich bleibt zu bedenken, dass Tishby ausdrücklich als Aktivistin schreibt — die Israel-Lobbyarbeit war der Auslöser des ganzen Buches. Das macht das Kapitel nicht unredlich; ihre Quellen sind belastbar, ihre Selbstkorrekturen ehrlich. Aber es erklärt das Auswahlprinzip: Was die israelische Demokratie auszeichnet, wird breit ausgemalt; was sie belastet, wird genannt, aber nicht ausgeleuchtet.

FazitDrei Realitäten, klug getrennt; eine Hamas-Kritik, die durch Quellen trägt; und zwei blinde Flecken — die strukturelle Benachteiligung arabischer Israelis und der Besatzungsalltag im Westjordanland —, die man mitlesen muss. Tishby informiert und argumentiert zugleich; das eine sollte man dankbar nehmen, das andere mit wachem Blick.