Start-up-Nation
Das hellste und werblichste Kapitel des Buches: humanitäre Hilfe von der syrischen Grenze bis Lesbos, eine Flut israelischer Erfindungen — und die Frage, ob aus all dem ein Argument im politischen Streit werden darf.
Nach den dunklen Kapiteln über Krieg, Besatzung und Terror schaltet Noa Tishby in Kapitel XII demonstrativ um: vom Konflikt zur Leistungsbilanz, von der Anklage zur Werbung. Das Kapitel will zeigen, „was möglich ist“ (S. 312) — ein Israel, das verwundete Syrer behandelt, nach Erdbeben und Atomunfällen Hilfe schickt und der Welt eine kaum überschaubare Reihe von Erfindungen geschenkt hat. Tishby gliedert in vier Bewegungen: das humanitäre Engagement, den Wirtschafts- und Unterhaltungserfolg, die technologische Innovation und schließlich eine Selbstkorrektur, in der sie ihre eigene Lobrede einrahmt. Genau in dieser letzten Bewegung liegt die argumentative Spannung des Kapitels — und der Ansatzpunkt jeder fairen Kritik.
Worüber viel zu wenig berichtet wird
Tishby beginnt nicht mit einem Triumph, sondern mit einer Katastrophe: dem syrischen Bürgerkrieg, den der Arabische Frühling 2011 auslöste. Sie nennt ihn „einen der blutigsten und langwierigsten Konflikte unserer Zeit“ (S. 305) und beziffert die Opfer auf „mehr als 400.000“ Landsleute, die das Assad-Regime „mit grausamen und international geächteten Methoden töten ließ“ (S. 305). Erst aus diesem Elend heraus entwickelt sie ihre eigentliche Geschichte: Was geschieht, wenn die Verwundeten dieses Krieges ausgerechnet an Israels Nordgrenze Hilfe suchen?
„Kurz nach Beginn des Krieges erschienen verwundete Syrer an Israels Nordgrenze. Aus einem Rinnsal wurde eine Flut“ (S. 305). Nach „jahrelangen Konflikten“ und „systematischen Propagandakampagnen des Assad-Regimes“ hatten die Syrer zunächst große Angst vor dem „feindlichen“ Land — bis sich der Ruf der israelischen Krankenhäuser herumsprach. Der Arzt Dr. Eyal Sela vom Galiläa-Krankenhaus formuliert die Hoffnung, die das ganze Kapitel programmatisch trägt:
„Wenn Menschen, die ich behandelt habe, 50 oder 1.500, nach Syrien zurückkommen, sind ihre Familien dankbar. Irgendwann wird ihr Kind oder Enkelkind sie nach der Narbe fragen, und sie werden erklären, dass der zionistische Feind sie behandelt und ihnen das Leben gerettet hat.“
Dr. Eyal Sela · Kap. XII, S. 305 f.Drei Krankenhäuser übernahmen den Hauptteil der Behandlung: das Galilee Medical Center in Nahariya, das Ziv Medical Center in Safed und das Poriya Medical Center bei Tiberias (S. 306). 2013 schuf das Militär eine eigene Koordinationseinheit, Shchenoot Tova — „guter Nachbar“ (S. 306). Tishbys Bilanz: „Inzwischen sind über 200.000 Syrer in Israel behandelt worden, ein Fünftel davon Kinder“ (S. 306). Die leitende Krankenschwester der Kinderchirurgie, Smadar Okampo, beschreibt das Ausmaß des Leids: „Die Kinder kommen mit fehlenden Gliedmaßen und zertrümmerten Gesichtern an … Manche kommen bewusstlos zu uns und wissen nicht, wo sie sind, wenn sie aufwachen“ (S. 306).
Tishby zögert nicht, die bittere Kehrseite dieser Expertise auszusprechen: „Leider hat Israel viel Erfahrung im Umgang mit Katastrophen“ (S. 307). An der Grenze, schreibt sie, seien „kleine Inseln des Vertrauens entstanden“ (S. 307).
MASHAV & IsraAID — von Haiti bis Lesbos
Israels Hilfsbereitschaft habe „nicht erst dort begonnen“ (S. 307). Tishby führt sie zurück auf 1957 und die Gründung von MASHAV, der „Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit“ (S. 307). Treibende Kraft war Golda Meir, die „erkannte, dass Israel Erfahrungen gesammelt hatte, die für andere Entwicklungsländer von Bedeutung sein konnten“ (S. 307). Das Leitprinzip nennt Tishby die „Ausbildung von Ausbildern“ (S. 307).
| Projekt / Einsatz | Ort | Bereich |
|---|---|---|
| Frühkindliche Erziehung | Kumasi, Ghana | Bildung |
| Imkerkurse | Ruanda | Landwirtschaft / Einkommen |
| Tröpfchenbewässerung | Kenia | Wasser sparen, höhere Erträge |
| Center for Agricultural Excellence | Haryana, Indien | Landwirtschaft |
| Einkommen für Frauen | Guatemala | Soziale Teilhabe |
| Neugeborenenstationen | Ghana | Medizin |
| Trauma-Stationen | Haiti / Kisumu, Kenia | Medizin |
| Augenchirurgie-Klinik | Nepal | Medizin |
Eine Auswahl der von Tishby genannten MASHAV-Projekte (Kap. XII, S. 307).
Den emotionalen Kern bildet die NGO IsraAID, gegründet, „um die Arbeit verschiedener anderer humanitärer NGOs zu koordinieren“ (S. 308), heute „in siebzehn Ländern“ tätig. Tishby reiht Schauplatz an Schauplatz, und gerade diese Aufzählung erzeugt die kumulative Wucht des Kapitels:
- Haiti, 2010. Israel schickte „als eines der ersten Länder Hilfe“ und war „das erste Land, das ein Feldlazarett vor Ort einrichtete“ (S. 308). „Das erste Baby, das in den Trümmern zur Welt kam, wurde von israelischen Ärzten entbunden, und seine Mutter beschloss, es Israel zu nennen“ (S. 308).
- Thailand. „Eine Gruppe israelischer Taucher half bei der Rettung“ der in einer Höhle festsitzenden Fußballmannschaft (S. 308).
- Fukushima, Japan. „Bereits vier Tage nach dem Atomunfall war IsraAID vor Ort“ (S. 308); über sechzig Experten schulten „über dreitausend japanische Gesundheitsfachkräfte in nonverbaler Therapie“ (S. 308).
- Jesidische Frauen. Mit der Bar-Ilan-Universität entwickelte IsraAID die Therapie STAIR für „von ISIS versklavte“ Frauen; im Mai 2019 durchliefen sie u. a. die Sacharow-Preisträgerin Lamiya Haji Bashar (S. 308).
- School of Peace, Lesbos. Gemeinsam mit den Jugendbewegungen Hashomer Hatzair und Ajyal betreute eine „bunte Schar“ aus Israelis, Syrern, Iranern und anderen „über 5.000 Flüchtlingskinder“ (S. 309).
„Mein ganzes Leben lang, während meiner gesamten Kindheit in syrischen Schulen, wurde mir beigebracht, dass die Israelis der Feind sind, und dann ist das Erste, was ich sehe, als ich mich der griechischen Küste nähere, der Davidstern auf den Hemden der Israelis, die mir die Hand reichen und mich auf sicheren Boden heben.“
H., Flüchtling auf Lesbos · Kap. XII, S. 309Die Friedensschule war von 2011 bis März 2020 in Betrieb, „dann wurde sie durch Brandstiftung zerstört. Die Täter wurden nie gefunden“ (S. 309).
„Start-up-Nation“: sechs Erfolgsfaktoren
Aus den Einzelfällen destilliert Tishby ihre These. Die behandelten Syrer, die jesidische Frau mit neuem Wissen, die Kinder von Lesbos — „sie alle können der Schlüssel für einen regionalen Wandel sein“ (S. 309). Sie verdichtet alles zu einem Bekenntnissatz und einer politischen Bedingung: „Das ist Israel. Das ist das Gute, das wir bewirken. Und wenn es nicht die Boykottbewegungen und die Feindseligkeit der regionalen Mächte gäbe, könnte eine Win-Win-Situation für den gesamten Nahen Osten geschaffen werden“ (S. 309). Damit ist der argumentative Hebel gesetzt.
Im zweiten Teil wechselt Tishby von der Hilfe zur Wirtschaft. Den Befund habe niemand besser formuliert als Dan Senor und Saul Singer in ihrem Bestseller Start-Up Nation Israel (2009):
„Wie kommt es, dass Israel — ein Land mit 7,1 Millionen Einwohnern, das erst sechzig Jahre alt und von Feinden umgeben ist, sich seit seiner Gründung in einem ständigen Kriegszustand befindet und über keine natürlichen Ressourcen verfügt — mehr Start-up-Unternehmen hervorbringt als große, friedliche und stabile Nationen wie Japan, China, Indien, Korea, Kanada und Großbritannien?“
Dan Senor & Saul Singer, zitiert · Kap. XII, S. 310 f.Bemerkenswert ist Tishbys Umgang mit dem heikelsten Faktor. Bei den Elite-Einheiten fragt sie augenzwinkernd, wo junge Leute sonst die Möglichkeit hätten, „Computerviren zu entwickeln und einzusetzen, um, nur mal so als imaginäres Beispiel, das iranische Atomkraftwerk zu infizieren?“ — um sofort hinzuzufügen: „Ich habe dazu kein Insiderwissen. Ich weiß nur, wie man Zeitungen liest“ (S. 311 f.). Eine ihrer typischen Figuren: die Cyberkriegführung als augenzwinkernder Beleg für Innovationskraft.
Tech-Talk: israelische Erfindungen
Im dritten Teil entfaltet Tishby ihre längste Aufzählung. Sie verankert die Innovationskraft historisch: Schon David Ben-Gurion sei klar gewesen, dass das Land „einen wissenschaftlichen und technologischen Vorsprung benötigte, um den Nachteil seiner geringen Größe und Bevölkerungszahl wettzumachen“ (S. 313). Es sei „praktisch unmöglich, alle“ Erfindungen aufzuzählen — und doch folgt eine Fülle, die selbst geübte Leser staunen lässt:
| Erfindung / Firma | Bereich | Nutzen / Detail |
|---|---|---|
| ICQ | Kommunikation | 1996 entwickelt, 1998 an AOL verkauft; frühes virales Instant Messaging (S. 314). |
| DiskOnKey | Hardware | Erstes Flash-Laufwerk mit USB-Schnittstelle — der USB-Stick (S. 314). |
| Checkpoint / Firewall-1 | IT-Sicherheit | 1993 gegründet; heute in 90 Ländern, 70 Patente (S. 314). |
| Waze / Wix | Software / Web | Navigation für 100 Mio. Nutzer; Website-Baukasten (S. 314). |
| Mobileye | Mobilität / KI | Kamerasystem für autonomes Fahren, in über 20 Mio. Fahrzeugen (S. 314). |
| Netafim | Landwirtschaft | Tröpfchenbewässerung (1959): 50 % weniger Wasser, 70 % mehr Ertrag (S. 315). |
| PillCam | Medizin | 2001: 26-mm-Kamera-Pille als Alternative zur Darmspiegelung (S. 315). |
| IDE-Umkehrosmose | Wasser | Entsalzungstechnik, von 40 Ländern genutzt (S. 315). |
| Iron Dome | Verteidigung | Raketenabwehrsystem (S. 316). |
| OrCam | Assistive KI | An die Brille geklipptes Gerät als Sehhilfe; Time-Top-100 2019 (S. 316). |
| Watergen | Umwelt / Wasser | Macht aus Luft Trinkwasser; weltweit in der Katastrophenhilfe (S. 316). |
Eine Auswahl der von Tishby genannten Erfindungen (Kap. XII, S. 314–318).
Tishby reiht weitere Fälle an: Gilat (Satellitenkommunikation), ReWalk Robotics (Gehhilfen für Gelähmte), Medinol (Herzstent — „Mein Vater dankte dieser Firma täglich“, S. 315) und CoverEdge (Heuverpackung). 2019 schafften es „neun israelische Erfindungen in die Erfindungs-Top-100 der Zeitschrift Time“ (S. 316). Und: „Pro Kopf der Bevölkerung sind in Israel mehr Unternehmen an der Nasdaq und der New Yorker Börse registriert als in jedem anderen Land der Welt“ (S. 318). Technik baue auch Brücken: In der palästinensischen Planstadt Rawabi beauftragen internationale Firmen lokale Programmierer; Programme wie MEET führen israelische und palästinensische Kinder zu Technik-Camps zusammen (S. 317).
Auch die Unterhaltungsbranche zählt Tishby dazu — nicht zufällig, denn hier ist sie selbst Akteurin. Sie verkaufte In Treatment „in echter israelischer Manier“ an HBO, „ohne … eine Ahnung zu haben, wie man eine Serie an einen amerikanischen Sender verkauft“ (S. 312). Israel wurde zum „kreativen Kraftzentrum der Unterhaltungsbranche“ (S. 312): Shtisel, Teheran, das „Kronjuwel“ Fauda — und Homeland, das auf Hatufim ihres Freundes Gideon Raff basiert (S. 312 f.).
Eine falsche Schlussfolgerung?
Im vierten Teil tut Tishby etwas Ungewöhnliches: Sie rahmt ihre eigene Lobrede ein. „Damit wir uns richtig verstehen: Viele Länder beteiligen sich an humanitären Bemühungen und leisten … wertvolle Beiträge für die Welt“ (S. 319). Und dann, fast entwaffnend selbstkritisch:
„Verstehen Sie also bitte die obige schamlose Lobhudelei nicht als staatlich geförderte Propaganda. Das ist sie nicht. Alles, was ich Ihnen hier so unbescheiden präsentiert habe, soll einen Eindruck vermitteln, was Israel anderen Nationen und somit auch dem gesamten Nahen Osten geben kann.“
Kap. XII, S. 319Der argumentative Kern kippt nun ins Politische. Tishby fragt, warum die Nachbarn nicht zu „partnerschaftlicher Zusammenarbeit“ bereit seien „oder, wenn überhaupt, dann nur im Geheimen“ (S. 320). Sie wendet sich gegen den „Israel-Boykott“, der „inzwischen international als legitim“ gelte, und gegen das Bild Israels als „Todesstern des Imperiums“ (S. 320). Aktivisten „von Bagdad bis zu den Universitäten Berkeley und Brandeis“ verhinderten so „echte Verbesserungen für die Menschen“ (S. 320). Mit einem Cliffhanger leitet sie ins letzte Kapitel über: „Wenn Sie denken, ich wäre jetzt schon richtig sauer, dann warten Sie ab …“ (S. 320 f.).
Einordnung & Kritik
Kapitel XII ist das positivste und zugleich werblichste des ganzen Buches — und Tishby weiß das. Dass sie ihre eigene Darstellung als „schamlose Lobhudelei“ (S. 319) bezeichnet, ist mehr als Koketterie: Es erhöht die Beweislast. Eine faire Bewertung muss zweierlei trennen — die Tatsachenebene und die Argumentationsebene.
Zur Tatsachenebene. Im Kern sind Tishbys Angaben belastbar und beeindruckend. Die Behandlung verwundeter Syrer und die Operation „Good Neighbor“ sind gut dokumentiert; die Größenordnung im niedrigen sechsstelligen Bereich ist plausibel. MASHAV (1957), IsraAID, das Haiti-Feldlazarett 2010, der Fukushima-Einsatz und die Tröpfchenbewässerung von Netafim sind real und korrekt eingeordnet. Auch die Innovationsbilanz — ICQ, USB-Stick, Waze, Mobileye, PillCam, Iron Dome — entspricht weitgehend dem öffentlichen Kenntnisstand. Wo Tishby übertreibt, tut sie es selten bei harten Fakten, sondern im Ton: Superlative häufen sich; einzelne Zuschreibungen (etwa die Erfindung der Kirschtomate) sind populärwissenschaftlich verkürzt — israelische Forscher haben hier wichtige, aber nicht alleinige Beiträge geleistet.
Zur Argumentationsebene. Hier liegt die eigentliche Schwachstelle, und Tishby umkreist sie selbst, ohne sie ganz aufzulösen. Das Kapitel verknüpft humanitäre und technologische Leistungen mit der politischen Auseinandersetzung um Israels Legitimität — eine logisch heikle Verknüpfung:
- Hilfe ist kein Alleinstellungsmerkmal. Tishby räumt selbst ein, dass „viele Länder“ humanitäre Hilfe leisten (S. 319). Damit entkräftet sie ihr eigenes Argument zur Hälfte: Wenn Hilfe normal ist, taugt sie schlecht als Beweis für moralische Sonderstellung.
- Technische Exzellenz beantwortet keine völkerrechtlichen Fragen. Ob ein Land Waze, PillCam und Iron Dome hervorbringt, ist für die Beurteilung von Besatzung, Siedlungsbau oder Menschenrechtslage schlicht irrelevant. Innovation und Recht liegen auf verschiedenen Ebenen; die eine kann die andere nicht aufrechnen.
- Der Boykott-Vorwurf verschiebt das Thema. Die meiste Kritik an Israel richtet sich nicht gegen Krankenhäuser oder Erfindungen, sondern gegen politische Entscheidungen. Den Streit auf die Frage „Wollt ihr etwa, dass kranke Kinder nicht behandelt werden?“ zu reduzieren, ist eine Verengung, die der Komplexität nicht gerecht wird.
Hinzu kommt eine Inkonsistenz im Ton: Während Tishby gegen „Propaganda“ des Assad-Regimes argumentiert, betreibt sie selbst eine Form persuasiver Selbstdarstellung — die sie zwar offenlegt, aber damit nicht entschärft. Ihre Doppelrolle ist hier am sichtbarsten: Produzentin, Aktivistin und Botschafterin „in eigener Sache“. Der Cyberangriff auf Iran als augenzwinkerndes Innovationsbeispiel (S. 311 f.) zeigt das in Reinform: Was für die einen Genie ist, ist für die anderen ein Akt staatlicher Aggression — Tishby wählt durchgängig die erste Lesart.