Ein Versprechen und ein Liebeslied
Der persönlichste und zugleich programmatischste Teil des Buches. Tishby verankert ihr Israel-Buch in zwei privaten Szenen: im Diplomaten-Erbe ihres Großvaters Hanan Yavor und in der Frage ihres vierjährigen Sohnes Ari „Ist es für mich?“ — dazwischen ein Anhang, der die ganze Argumentation in einer gnadenlos kurzen Liste bündelt. Das Schreiben wird zur Einlösung eines Versprechens an die Mutter und zum Erbe für den Sohn.
Das Nachwort löst die Frage ein, die unter allen dreizehn Kapiteln gelegen hat: Warum schreibt eine israelische Schauspielerin und Produzentin aus West Hollywood ausgerechnet dieses Buch? Die Antwort kommt nicht als Argument, sondern als zwei Familiengeschichten. Die erste blickt zurück — auf den Großvater Hanan Yavor und die unbeugsame Mutter Yael. Die zweite blickt nach vorn — auf den Sohn Ari, für den das Buch ausdrücklich geschrieben ist. Dazwischen steht der Anhang, der die Geschichte Israels in eine einzige, stark verkürzte Liste fasst.
Dieses Buch ist ein Versprechen
Tishby beginnt mit einer Kindheitserinnerung. Mit etwa sieben oder acht Jahren wird ihr bewusst, dass es bei ihr zu Hause anders aussieht als bei ihren Freundinnen. Die Wohnung in einem Vorort von Tel Aviv ist bürgerlich und zweckmäßig — aber die Wände sind vom Boden bis zur Decke mit afrikanischer Kunst behangen, und mitten im Wohnzimmer hängt ein rätselhaftes rundes Ding aus Holz.
„Aber unsere Wände waren vom Boden bis zur Decke mit riesigen, beeindruckenden afrikanischen Kunstwerken, Masken und uralten Waffen geschmückt, die meine Freunde in Erstaunen versetzten, wenn sie unsere Wohnung betraten.“
Nachwort, S. 353Diese Kulisse ist der Schlüssel zur Herkunft des Buches. Sie ist das Vermächtnis einer Zeit, in der Tishbys Großvater Hanan Yavor als einer der ersten israelischen Diplomaten in Westafrika tätig war. Damit führt Tishby eine Familienlinie ein, die im Hauptteil kaum auftaucht, das Ganze aber im Nachhinein deutet: die Sympathie für die Befreiung unterdrückter Völker, das Selbstverständnis Israels als moralisches Projekt, der Glaube an eine Verantwortung gegenüber anderen Verfolgten — all das hat in dieser Familie einen Namen und ein Gesicht.
Der Großvater und das „Kushi“-Telegramm
Während der Recherche erhält Tishby einen Anruf von Lynn Schler, Afrika-Spezialistin der Ben-Gurion-Universität. Schler arbeitet an einem Buch über Nigeria und hat dafür „ein ganzes Jahr lang buchstäblich Ihren Großvater durch sein Leben begleitet“. Sie wertete rund fünfzigtausend Dokumente aus Yavors Zeit als Botschafter in Nigeria aus. Das Bild, das entsteht: ein fleißiger, gründlicher Mann, der enge Beziehungen zu den höchsten nigerianischen Beamten aufbaute.
„Das Archiv, das Ihr Großvater zur nigerianischen Geschichte hinterlassen hat, ist — unermesslich“, sagte sie zu mir.
Lynn Schler, im Nachwort, S. 354Hanan Yavor verkörpert die frühe israelische Afrika-Diplomatie: das junge, eben entkolonialisierte Israel bot den unabhängig werdenden Staaten Afrikas seine Erfahrungen in Landwirtschaft, Bewässerung und Bildung an. Den dramatischen Höhepunkt bildet ein Dokument, das Schler im Archiv fand: ein Telegramm vom 3. August 1961, in dem Yavor das Außenministerium scharf zurechtweist, weil es ein abwertendes Wort für Nigerianer benutzt — und die Herabwürdigung der Nigerianer ausdrücklich neben die der Juden in Europa stellt.
„Ich habe ein wichtiges Anliegen. Bitte streichen Sie die Verwendung des Wortes ›Kushi‹ aus Ihrem Sprachgebrauch. Ein Mann aus Nigeria muss als Nigerianer oder Afrikaner bezeichnet werden. Die Bezeichnung ›Kushi‹ wird seit Langem in abwertender Weise verwendet. Auch wir waren zutiefst verletzt, als in Europa das Wort ›Jude‹ in herabwürdigender Weise gebraucht wurde.“
Hanan Yavor, Telegramm vom 3. August 1961, Nachwort, S. 354Tishby kommentiert die Episode mit hörbarem Staunen — ihr Großvater rüge ethnisch unsensibles Verhalten, „im Jahr 1961!“. Auf die Frage, warum Yavor so „besessen davon“ gewesen sei, Nigeria zu helfen, antwortet ihre Mutter mit dem Satz, der das ganze Buch trägt.
„Mein Vater sah in Juden und Afrikanern Geistesverwandte. Er sah das Verbindende zwischen den Menschen, den Ländern. Immer wieder sagte er: ›Wir müssen helfen, denn sie machen das durch, was wir durchgemacht haben. Nach Jahren der Diskriminierung, Unterdrückung und Verfolgung werden sie jetzt unabhängig, und deshalb haben wir eine Verantwortung, ihnen zu helfen.‹“
Yael, im Nachwort, S. 354 f.Aus der gemeinsamen Erfahrung von Diskriminierung wird hier eine Verantwortung — nicht ein Ressentiment. Tishby zieht die Linie bis zu sich selbst: Ihr Großvater sei „die Verkörperung jüdischer und zionistischer Werte“ gewesen, „dieselben Werte, die ich auf meinem Weg auch für mich als richtig erkannt habe“ (S. 354). Damit bindet sie die Verteidigung Israels, die das Buch leistet, an eine konkrete, sympathische Familiengestalt zurück.
Das giftige Holztablett
Das rätselhafte runde Ding im Wohnzimmer erhält nun seine Geschichte. Es ist ein uraltes Tablett, mit dem traditionelle Heiler Heilkräuter und Gifte mischten — geschenkt Tishbys Mutter Yael, die in Ghana aufwuchs, von Obanjo, einem obersten Medizinmann des Ga-Dangme-Stammes. Das Holz sei hochgiftig, weil darauf jahrelang Kräuter gemischt worden seien; beim Abschied der Familie aus Ghana schenkte Obanjo der siebzehnjährigen Yael diesen „Brustschild“ unter einer Bedingung: Sie durfte ihn nie weggeben, und er sollte mit ihr begraben werden.
„Dieses Buch ist die Erfüllung meines Versprechens gegenüber meiner Mutter. […] Meine Worte sind die Einlösung dieses Versprechens, um das sie mich nie bat.“
Nachwort, S. 355 f.Safta Yael, die furchtlose „NinJew“
Die Mutter wird mit Zärtlichkeit und Respekt vor ihrer Sturheit gezeichnet. Yael ist eine Kämpferin; wenn ihre „NinJew“-Seite erwacht — eine Wortprägung aus „Ninja“ und „Jew“ —, kommt man ihr besser nicht in die Quere. Sie legte sich mit den IDF an, als diese die Suche nach Akis im Meer versunkenem Flugzeug einstellten; sie stritt mit der Regierung über die beste Raketenabwehr; und sie überquerte die Grenze nach Ramallah, um Arafat die Hand zu schütteln, als sie ihn für die größte Friedenshoffnung hielt — um ihn später, wie der Rest der Welt, zu verurteilen, als sie erkannte, wer er wirklich war.
„Sie ist eine wahre Kämpferin für soziale Gerechtigkeit, nicht eine, die einfach Meinungen in die Tastatur tippt, sondern eine Kämpferin der alten Schule, die den Mächtigen nicht nur die Wahrheit sagt, sondern sie ihnen entgegenschreit.“
Nachwort, S. 356Yael zahlte einen hohen Preis: Mit sechsundzwanzig Jahren wurde sie Witwe. Dennoch resignierte sie nie. Ihr Herz, schreibt Tishby, breche jedes Mal, wenn Israel „Mist baut“ — bei Korruption, fehlender Ethik, unnötiger Gewalt, Rassismus und Unterdrückung. Daraus leitet Tishby eine Maxime ab, die wie das Motto des ganzen Buches klingt.
Diese Formel — sich mit Fakten zu bewaffnen und der Auseinandersetzung nicht auszuweichen — ist zugleich die methodische Selbstbeschreibung von Tishbys Buch. So wie Yael ihre Position notfalls gegen Millionen vertritt, versteht Tishby ihr Schreiben als faktengestützte Verteidigung einer Sache, von der sie überzeugt ist.
Vier Generationen, ein Vermächtnis
Das Nachwort entfaltet ein Familienpanorama über mehrere Generationen. Jede steht für eine andere Spielart desselben zionistischen Grundimpulses: Aufbau, Diplomatie, kämpferisches Gewissen — und schließlich die Weitergabe an das Kind.
| Generation | Rolle / Vorbild | Wofür sie im Nachwort steht |
|---|---|---|
| Nachum | Der Industrielle | Wirtschaftlicher Aufbau des jungen Landes; die materielle Basis des zionistischen Projekts. |
| Fania | Die Pionierin | Der Geist der ersten Einwanderergeneration; Erschließung und Besiedlung als Tat. |
| Hanan Yavor | Der Diplomat | Israel als moralisches Projekt nach außen; Solidarität mit anderen verfolgten Völkern (Afrika, „Kushi“-Telegramm). |
| Yael | Die Kämpferin | Das wache Gewissen nach innen; Kritik an Korruption, Gewalt und Verrat an zionistischen Werten. |
| Noa → Ari | Erzählerin & Erbe | Weitergabe der Geschichte durch das Wort; das Buch als Brief an die nächste Generation. |
Die Tafel zeigt, wie konsequent Tishby die große Geschichte ins Familiäre übersetzt. Was im Hauptteil als Geschichte eines Staates erzählt wurde — Aufbau, Diplomatie, Verteidigung, demokratisches Ringen —, kehrt im Nachwort als Geschichte von Menschen wieder, die Tishby kennt, liebt und denen sie sich verpflichtet fühlt.
Ein Liebeslied — und der Anhang als Bilanz
Der zweite Teil des Nachworts wendet den Blick nach vorn. Tishby schrieb das Buch 2020, als die Pandemie die Welt überrollte; im Juni war Los Angeles abgeriegelt, und sie verbarrikadierte sich im Schlafzimmer, um den Abgabetermin einzuhalten — zwischen Homeschooling, Kochen und Lego. Ihr viereinhalbjähriger Sohn Ari kam immer wieder ins Zimmer, um sie „seinen Namen schreiben“ zu lassen. Dann kam die Szene, auf die das ganze Nachwort zuläuft.
„Was schreibst du da?“, fragte er. — „Ich schreibe ein Buch“, sagte ich. — „Worum geht es?“ — „Es ist ein Buch über Israel“, sagte ich […]. Er schnaufte aufgeregt, und seine Augen leuchteten: „Ein Buch über Israel! Ich liebe Israel! Ist es für mich?“
Nachwort, S. 357„Ja, mein Äffchen“, sagte ich. „Ich schreibe ein Buch für dich. Und jetzt lass uns zusammen baden.“
Nachwort, S. 357Damit schließt sich der Kreis. Das „Versprechen“ an die Mutter verwandelt sich in ein „Liebeslied“ an den Sohn. Das Buch ist zugleich rückwärts und vorwärts gerichtet: eine Schuld, die abgetragen, und ein Erbe, das angetreten wird. Die Frage des Kindes — „Ist es für mich?“ — beantwortet die Frage nach dem Adressaten des ganzen Buches: Es ist für die nächste Generation geschrieben, für alle, die Israel lieben, ohne es genau erklären zu können.
Der Anhang: alles im schnellen Überblick
An das Nachwort schließt sich der Anhang „Alle Informationen im schnellen Überblick“ an (S. 359–365). Tishby gesteht augenzwinkernd ein, dass das Buch wohl doch nicht die „einfache Einführung“ geworden ist — man sei durch historische und politische Fakten, Selbstbetrachtungen, Familiendramen und „etwas Scharia“ gestolpert, alles mit einem Hauch von Ironie.
„Falls Sie es noch nicht gemerkt haben: Israel ist ein kompliziertes Land! Hier der wirklich gnadenlos schnelle Überblick.“
Anhang, S. 359Die Stichpunktliste zerlegt die Argumentation des ganzen Buches in ihre Kernbehauptungen — das ehrlichste Dokument des Buches: Hier steht in nackten Sätzen, was Tishby für wahr hält. Eine Auswahl der zentralen Thesen:
| Thema | Tishbys Kernaussage im Anhang |
|---|---|
| Antiker Staat | Das Land war vor über 3000 Jahren ein souveräner jüdischer Staat; belegt durch Altes und Neues Testament, Koran und archäologische Funde. |
| Name „Palästina“ | Eine geografische Provinz, kein Staat; die Römer gaben ihr nach 135 n. Chr. den Namen. Nie gab es darin einen souveränen palästinensischen Staat. |
| Zionismus | Entstand im späten 19. Jahrhundert in Europa als Folge des Antisemitismus — eine Befreiungsbewegung für einen jüdischen, aber nicht ausschließlich jüdischen Staat. |
| Staatsgründung | UN-Resolution 181 (29.11.1947) gewährte Juden und Arabern je einen Staat; „die Juden sagten Ja, die Araber sagten Nein.“ |
| Kriege | 1948, 1967, 1973: wiederholte Angriffe mit dem Ziel der Vernichtung — Israel verteidigte sich. |
| Friedensschlüsse | Ägypten (1979), Jordanien (1994), Oslo (1993) — gescheitert an Arafats Weigerung 2000. |
| Demokratie | Multikultureller, „lauter und demokratischer Schmelztiegel“; gleiche Rechte für Juden, Muslime und Christen trotz Rassismus und Ungleichheit. |
| Antizionismus | Kritik an der Regierung sei gesund; das Existenzrecht infrage zu stellen sei antizionistisch und untrennbar mit Antisemitismus verbunden. |
Die Liste läuft auf eine fast lyrisch gesetzte Schlussformel zu, die den Tonfall des ganzen Buches verdichtet: erst die nüchterne Feststellung, der Nahe Osten sei chaotisch, dann ein Bekenntnis, das über vier abgesetzte Zeilen immer lauter wird.
„Israel will Frieden. / Israel / Will / FRIEDEN.“
Anhang, S. 365An den Anhang schließt sich ein Glossar an (ab S. 366), das die wichtigsten Begriffe — von „Alija“ über „BDS“ bis „Dschihad“ — knapp erklärt; es wird auf der eigenen Glossar-Seite aufgegriffen.
Einordnung
Das Nachwort verdichtet das Programm des ganzen Buches auf engstem Raum: die große Geschichte erzählt über die eigene Familie, Israel verstanden als moralisches Projekt, das Schreiben begriffen als generationsübergreifende Pflicht. Darin liegt die unverkennbare emotionale Stärke des Buches. Die Gestalten Hanan und Yael sind sympathisch, ihr Engagement ist konkret und belegt — das „Kushi“-Telegramm von 1961 ist ein beeindruckendes Dokument —, und die Schlussszene mit Ari berührt. Tishby gelingt es, ein hochpolitisches Thema in eine Familienliebe einzubetten.
Eben diese Verschränkung von Familienliebe und politischem Argument ist aber zugleich die methodische Grenze des Buches. Wenn das Existenzrecht und die moralische Selbstdeutung Israels so eng an die Liebe zu Großvater, Mutter und Sohn gebunden werden, wird Widerspruch fast unweigerlich zu einem Angriff auf die Familie. Wer der Argumentation des Anhangs — etwa der pointierten Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus oder der knappen Behandlung der palästinensischen Perspektive — nicht folgt, scheint damit auch die warmherzig gezeichneten Menschen zurückzuweisen. Das ist rhetorisch wirkungsvoll, immunisiert die Thesen aber gegen sachliche Einwände: Die Liste des Anhangs setzt vieles als gesichert, was historisch umstritten und differenzierter zu betrachten ist.
Fair bleibt: Tishby beansprucht nie, ein neutrales Lehrbuch geschrieben zu haben. Schon der durchgängig persönliche Ton macht klar, dass es sich um ein engagiertes, parteiisches Buch handelt — um ein „Liebeslied“, wie sie selbst sagt. An diesem erklärten Maßstab gemessen, ist das Nachwort ehrlich: Es legt die Motive offen, statt sie hinter einer Fassade der Objektivität zu verbergen. Der kritische Leser ist aufgerufen, die emotionale Kraft des Schlusses und die argumentative Verkürzung des Anhangs auseinanderzuhalten.
Wie sich Tishbys Weg nach diesem Buch fortsetzte — ihre Ernennung zur Sonderbeauftragten der israelischen Regierung gegen Antisemitismus und Delegitimierung 2022, ihre Entlassung 2023 sowie ihr Folgebuch „Uncomfortable Conversations with a Jew“ (2024) —, wird auf der Seite Wirkung & Rezeption ausführlich behandelt.