Israel · Noa Tishby
Kapitel V · S. 93–116

Dem Traum folgen

Wie aus einem marxistischen Experiment am See Genezareth, dem Freiheitskampf einer Handvoll Pionierinnen und der Hartnäckigkeit eines Diamantenhändlers die Grundlage eines Staates wurde — und warum Tishby hier ihren umstrittensten Satz schreibt: ein Realitätscheck über das Land vor 1948.

Das vorangegangene Kapitel schilderte Theodor Herzls Idee eines Judenstaates und die Anfänge des politischen Zionismus. Kapitel V führt von der Vision in die Praxis: Was geschah, als die Träumer ihre Koffer packten und in das osmanische, später britisch verwaltete Palästina aufbrachen? Tishby beantwortet das nicht abstrakt, sondern an zwei Lebensläufen aus ihrer eigenen Familie — ihrer Großmutter Fania, die 1930 barfuß in den Kibbuz Degania kam, und ihres Urgroßvaters Nachum, der die jüdische Industrie aus dem Nichts aufbaute. Die Dramaturgie folgt einer klaren Bewegung: erst das ländliche Kollektiv, dann das städtische Gegenmodell, schließlich der nüchterne, streitbare Blick auf das Land selbst. Am Ende steht der Satz, an dem sich die Geister scheiden: „Da war kein Palästina, das sie hätten besetzen können.“

Kernidee: Tishby will zeigen, dass der moderne Staat Israel nicht durch Eroberung, sondern durch Aufbauarbeit entstand — durch Kollektivlandwirtschaft, legale Landkäufe und unternehmerische Energie. Das ist im Kern historisch belegt; die Pointe, mit der sie es zuspitzt („überwiegend leer“), ist es nicht im gleichen Maße. Genau diese Spannung macht das Kapitel so lesenswert.

Der Kibbuz: eine Lebensform wird erfunden

Tishby beginnt mit einer Szene: Ein Bekannter aus dem amerikanischen Süden glaubt, ein Kibbuz sei „eine Art Dorf“. Sie seufzt — und holt aus. 1910 ließ sich eine kleine Gruppe von zwei Frauen und zehn Männern auf einem Grundstück am Südufer des Sees Genezareth nieder, das der Jüdische Nationalfonds 1900 erworben hatte, und erfand „eine völlig neue Lebensform: den Kibbuz“. Sie nannten ihr Projekt Kwuzot Degania. Die Etymologie verrät das Programm: Kibbuz stammt vom hebräischen Kwuza („Gruppe“), Degania vom hebräischen dagan („Getreide“) — denn Getreide wollten sie anbauen.

Diese jungen und verrückten Pioniere erkannten, dass sie allein nicht überleben konnten, und so erfanden sie eine neue Form des Zusammenlebens in einer Gemeinschaft. … Die Idee war, dass ein Einzelner nicht so stark ist wie eine Gemeinschaft, und deshalb sollte die Gemeinschaft über den Einzelnen gestellt werden.

Kap. V, S. 93–94

Das wirtschaftliche Fundament war unmissverständlich marxistisch. Es gab kein persönliches Eigentum; alles gehörte allen gleichermaßen; man arbeitete für das Wohl der anderen und bekam „genau den gleichen Lohn, egal, welchen Job“ man hatte. Ob Vorsteher oder Küchenhilfe — niemand verdiente mehr als die anderen.

Grundlage war der marxistische Slogan: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Hurra!

Kap. V, S. 94

Der Alltag war streng organisiert und doch von fast religiöser Begeisterung getragen. Jeden Morgen versammelte man sich im Speisesaal und las den Arbeitsplan: heute das Feld, morgen die Kühe. Man zog die Wolljacken der Alten Welt aus und Khaki-Shorts an — ein Kleidungswechsel mit symbolischer Tiefe. Die Bedingungen waren extrem: Das Land war „größtenteils karg und unfruchtbar“, es grassierten Malaria, Typhus und Cholera, und es war paradoxerweise zugleich brennend heiß und von Sumpf durchzogen, „verseucht von Millionen Stechmücken“.

KibbuzVon hebr. Kwuza („Gruppe“). Kollektive Siedlung ohne Privateigentum, gleicher Lohn, gemeinsame Erziehung. Degania (1910) war der erste.
Moschava(Pl. Moschavot) Landwirtschaftliches Dorf mit privatem Grundbesitz — das marktwirtschaftliche Gegenmodell. Z. B. Petach Tikva, Rishon Le’Zion.
JischuvDie Gesamtheit der vorstaatlichen jüdischen Gemeinschaft in Palästina — das „Staatswesen vor dem Staat“.
AliyahWörtlich „Aufstieg“; die Einwanderung von Juden ins Land Israel. Fania und Nachum gehörten zu den frühen Wellen.
Totzeret Ha’aretz„Erzeugnis des Landes“ — die hebräische Entsprechung von „Made in Israel“. Nachum gilt als ein Vorkämpfer.
Halutz / PionierDer/die Chaluz(a): die idealistischen Siedler der frühen Wellen — bei Tishby die „Ninjas der Ninjas“.

Obwohl nie mehr als rund acht Prozent der Bevölkerung in Kibbuzim lebten, schreibt Tishby ihnen einen „enormen Einfluss“ zu — auf Ethos und Industrie des späteren Staates. Gemeinsam mit den Moschavot wurden sie zu einem Fundament, auf dem Israel entstand, und ebneten den Weg für eine Mischform, die Tishby in eine eingängige Formel gießt.

Sie ebneten den Weg für die Grundlagen des Wirtschaftssystems, mit dem Israel bis heute arbeitet — kapitalistisch, aber auch eine gemäßigte Sozialdemokratie. Sozusagen Warren Buffett mit einer Prise Bernie Sanders gewürzt, eben eine israelische Form der sozialen Marktwirtschaft.

Kap. V, S. 95
Der Kibbuz war keine Erweiterung des Dorflebens, sondern eine bewusste Neuerfindung. Aus der Not, in einem feindlichen Land zu überleben, wurde eine Ideologie: Die Gemeinschaft trägt den Einzelnen — und umgekehrt.

Die Frauen von Degania

Der vielleicht stolzeste Abschnitt des Kapitels gilt der Geschlechtergleichheit. In den Kibbuzim glaubten die Männer zunächst, sie könnten „die frauenfeindliche Lebensweise der Alten Welt auf die Neue Welt übertragen“ und den Frauen Kochen, Putzen und Kinderbetreuung überlassen. „Aber da hatten sie sich verrechnet.“ Hier setzt Tishby das berühmte Zeugnis ihrer Großmutter Fania ein — die „Küchenfrage“:

Der Kibbuz ist zum überwiegenden Teil Ergebnis des Freiheitskampfes der Frauen. Die Küche in Degania ist unorganisiert, weil wir, die Frauen von Degania, nicht akzeptieren, dass man uns von anderen Arbeitsbereichen des Kollektivs ausschließt. … Was ist besser für das Kollektiv? Eine organisierte Küche oder der rechtmäßige Platz der Frauen als gleichberechtigter Teil des Kollektivs?

Safta Fania, zitiert Kap. V, S. 96–97

Die Pionierinnen stellten ein Ultimatum: „Entweder völlige Gleichberechtigung, oder wir sind raus.“ Es funktionierte. 1911, ein Jahr nach Gründung von Degania, erhielten die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer — einschließlich des Wahlrechts. Tishby ordnet dieses Datum mit einer Vergleichsreihe ein, die ihre rhetorische Pointe selbst trägt.

Frauenwahlrecht im Vergleich 1900 2020 1911 Degania 1920 USA 1971 Schweiz 2015 Saudi-Arabien
Degania (1911) lag im Frauenwahlrecht Jahrzehnte vor etablierten Demokratien — Tishbys Vergleichspunkt.

Die Wirtschaftsweise des Kibbuz verschaffte den Frauen zudem finanzielle Gleichstellung — etwas, das es, so Tishby, „damals nirgendwo sonst auf der Welt“ gab. Die Frauen erhielten denselben Lohn wie ihre Chefs oder Ehemänner. Hier liegt eines der zentralen Argumente des ganzen Buches im Kleinen vor: Israel sei, was die Stellung der Frau angehe, dem Westen oft voraus gewesen.

Doch die Gleichberechtigung hatte einen Preis — und Tishby verschweigt ihn nicht. Damit die Frauen gleichberechtigt arbeiten konnten, entstand die Gemeinschaftserziehung: Von der Geburt bis zum Schulende wurden die Kinder gemeinsam betreut, getrennt von den Eltern, die sie nur einmal täglich für ein paar Stunden sahen. Die Forschungsergebnisse zu den Langzeitfolgen, schreibt Tishby, fallen unterschiedlich aus — manche genossen jede Minute, andere berichten von Traumata. Als Mutter bezieht sie eine klare Position:

Als Mutter bin ich entsetzt, wenn ich das lese. Wie kann man sein Kind von der Geburt bis zum jungen Erwachsenenalter weggeben …? Aber die Zeiten waren anders und erforderten extreme Maßnahmen. Schließlich waren es ja die Mütter des Kibbuz selbst, die dieses Konzept voller Stolz entwickelt hatten.

Kap. V, S. 104–105

Fania und Nachum: zwei Wege ins Land

Fania kam 1930 mit dreiundzwanzig Jahren nach Degania, das ausnahmsweise vier neue Mitglieder suchte. Die angehende Landwirtin meldete sich für den Gemüsegarten und wurde eines der ersten Neumitglieder in Israels erstem Kibbuz.

Und so kam ich nach Degania. Ohne Schuhe und ohne Kleidung kam ich an … Ich kam ins Jordantal, ich sah den Kinneret, ich sah die Aussicht und sagte mir: Das ist der Ort. Hier will ich leben und begraben werden.

Safta Fania, zitiert Kap. V, S. 104

Tishby zeichnet ihre Großmutter als radikale Idealistin: Sie warf ihre Kleider weg, schnitt sich die Haare kurz, lehnte Make-up und Schmuck ab und widmete sich dem Gemeinschaftsleben „mit nahezu religiösem Eifer“. Den dramatischen Kern bildet Fanias Widerstand gegen die Kapitalisierung des Kibbuz — während andere die Privatisierung feierten, sah sie darin einen Verrat:

Ich erinnere mich, wie der Laden im Kibbuz eröffnet wurde und die Mitglieder bereit waren, dabei mitzumachen. Das stieß mir sehr bitter auf. Sogar der Kibbuz war dem kapitalistischen Denken erlegen … Es war eine traumatische Erfahrung für mich. In den Kibbuz zu gehen bedeutete für mich, gegen all das zu rebellieren.

Safta Fania, zitiert Kap. V, S. 106

Fania blieb ihren sozialistischen Idealen lebenslang treu. Das Gegenstück bildet Tishbys Urgroßvater Nachum. Sein Lebenslauf ist abenteuerlich: 1885 in der russischen Region Grodno geboren, engagierte er sich in der exilrussischen sozialistischen Bewegung, wurde verraten, 1907 verhaftet und zu fünfzehn Jahren Arbeitslager in Sibirien verurteilt. Nach sechs Jahren entlassen, floh er über Belgien nach London, schloss sein Ingenieurstudium ab — und lehnte 1920 ein Angebot als britischer Diplomat ab, um stattdessen den Zionismus zu wählen.

Die zionistische Organisation in London bat ihn, das Hauptbüro für Industrie und Handel des Jischuv zu gründen. Er wanderte 1922 nach Jerusalem aus, hebräisierte seinen Nachnamen von Tisch zu Tishby und wurde erster Sekretär für Handel und Industrie bei der Jewish Agency. Den Kontrast zu Fania arbeitet Tishby pointiert heraus:

Im Gegensatz zu meiner Großmutter Fania, der idealistischen Sozialistin, die leidenschaftlich gerne das Land bebaute und nichts mit Geld zu tun haben wollte, war mein Urgroßvater idealistischer Kapitalist. Er war davon überzeugt …, dass es keinen richtigen jüdischen Staat ohne eine richtige jüdische Industrie geben würde.

Kap. V, S. 108

Nachum baute „buchstäblich etwas aus dem Nichts“: Er förderte Textil-, Fischerei- und Steinindustrie, half bei der Gründung des Modehauses Ata und brachte sogar die Diamantenindustrie nach Israel. Besonders am Herzen lag ihm der bewusste Konsum einheimischer Waren — Totzeret Ha’aretz. Hier ist Tishby methodisch vorbildlich ehrlich:

Mein Vater erzählte mir, dass sein Großvater den Ausdruck Totzeret Ha’aretz prägte … aber dafür, dass es von ihm stammt, finde ich leider nirgendwo einen Beleg. … Alles in allem finde ich es eine sehr schöne Vorstellung, dass er diesen Satz erfunden hat, ob es sich nun belegen lässt oder nicht.

Kap. V, S. 109
Fania verkörpert die utopische Reinform des zionistischen Traums — Gleichheit, Arbeit, Verzicht. Nachum den unternehmerischen Pol. Ihr Schmerz über die Privatisierung ist zugleich ein Nachruf auf eine Idee, die der wirtschaftlichen Realität weichen musste.

Realitätscheck: das karge Land

Mit dem Abschnitt „Realitätscheck, bitte“ verlässt Tishby die Familiengeschichte und wendet sich der großen Streitfrage zu: Wie war das Land wirklich? Sie stellt klar, dass das Gebiet seit der Zerstörung des jüdischen Staates um 70 n. Chr. über zweitausend Jahre hinweg „immer besiedelt“ war — von Arabern, Juden, Muslimen, Christen, Drusen und Bahais. Zugleich betont sie: Es gab nie einen Staat „wie wir ihn heute verstehen“, und es gab „nur nicht so viele“ Einwohner.

JahrEinwohner (Palästina, ca.)Anmerkung
um 1500205.000etwa so viel wie heute Kiel
um 1800275.000kaum Wachstum über 300 Jahre
um 1890532.000annähernde Verdopplung — im Weltvergleich gering
USA 18005.308.483Vergleichsmaßstab
USA 189062.979.766elffaches Wachstum

Zahlen nach Kap. V, S. 111–112.

Warum blieb die Bevölkerung so lange konstant? Tishbys Antwort ist unverblümt: „weil der Ort ein Albtraum war.“ Als Kronzeugen ruft sie Mark Twain auf, der 1869 desillusioniert von seiner Pilgerreise zurückkehrte:

Was triste Landschaften angeht, schießt Palästina unter allen Ländern den Vogel ab. Die Hügel sind unfruchtbar, von dumpfer Farbe und unschöner Form. Die Täler sind unansehnliche Wüsten, gesäumt von kümmerlicher Vegetation, die etwas Trauriges und Verzagtes hat.

Mark Twain (1869), zitiert Kap. V, S. 112

Tishby zeichnet das Land als rau, trocken, geplagt von Pest, Typhus, Cholera und Malaria; die Kindersterblichkeit lag stellenweise „bei nahezu 100 Prozent“. Unter osmanischer Herrschaft (1516–1917) sei die Region eine unterentwickelte Randzone gewesen, von der osmanischen Regierung „völlig desinteressiert“ behandelt. Land konnte man „leicht und günstig“ kaufen — oft von Grundbesitzern, die gar nicht vor Ort lebten. Als Beleg nennt sie den Kaufpreis für Degania: 128.974 Francs für 6.448 Dunam, rund 40 Dollar pro Hektar, während Land in den USA 1905 im Schnitt etwa 75 Dollar pro Hektar kostete.

Der entscheidende Punkt folgt jetzt: Als die ersten Zionisten kamen, lebten dort bereits Menschen — vor allem in den alten Städten und verstreut in Dörfern —, „aber große Teile des Landes waren leer und äußerst unwirtlich“. Eben dieses Land erwarben die Juden „legal von den örtlichen Grundbesitzern“. Dann begannen die Pioniere mit der Arbeit:

Jüdische landwirtschaftliche Kolonien … entwickelten den Orangenanbau weiter … Sie bauten Wein an, den sie selbst kelterten und exportierten. Sie legten Sümpfe trocken. Sie pflanzten Eukalyptusbäume. Sie führten moderne landwirtschaftliche Methoden ein.

Anhörung des US-Kongresses, April 1922; zitiert Kap. V, S. 113

Tishby erkennt ausdrücklich an, dass auch Araber zur späteren Bevölkerungsexplosion beitrugen — teils durch natürliches Wachstum, teils durch Zuwanderung aus Nachbarregionen, angezogen von neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten unter dem britischen Mandat. Wichtig ist ihre eigene Differenzierung: „Das bedeutet nicht, dass Araber, die rechtmäßig Land besaßen, keinen Anspruch darauf hätten.“ Sie räumt legitime arabische Ansprüche ein, bestreitet aber, dass jeder, der einen solchen Anspruch behauptet, auch tatsächlich seit Generationen dort lebte.

„Da war kein Palästina“

Am Ende bündelt Tishby ihre These in einem provokanten Satz, der das Buch in der öffentlichen Debatte mehr geprägt hat als fast jeder andere:

Die Juden haben Palästina nicht „besetzt“. Da war kein Palästina, das sie hätten besetzen können. Es gab keinen Staat, keine organisierte Verwaltung, nicht viel Industrie, so gut wie kein Gesundheitssystem, kaum Landwirtschaft oder Bildung. Es gab auch keine Demokratie, keine Gleichheit, keine Sicherheit und keinen Wohlstand für die dort lebenden Menschen.

Kap. V, S. 115

Die Logik dahinter: „Besetzung“ setze einen Staat voraus, der besetzt werden kann; einen solchen Staat habe es nicht gegeben. Die Pioniere, schließt Tishby, hätten „einen großen Teil des Landes, der zuvor nahezu unbewohnbar gewesen war, in ein blühendes Gemeinwesen“ verwandelt. Sie fügt einen fast verteidigenden Schlussakkord hinzu: „Sie hatten keine Wahl und konnten nirgendwo anders hin.“ Der Aufbau einer Heimat sei „ihre einzige Möglichkeit zu überleben“ gewesen — umso dringlicher, je mehr sich die Lage der in Europa zurückgebliebenen Juden verschlimmerte. Damit ist die Brücke zum nächsten Kapitel über die Staatsgründung geschlagen.

Einordnung & Kritik

Kapitel V verbindet zwei Register, die getrennt beurteilt werden müssen. Als Familienerinnerung ist es sein Stärkstes: Die Geschichten von Fania und Nachum sind quellengestützt (Tagebücher, Archivnotizen, Reiseberichte), liebevoll erzählt und durch Tishbys Bereitschaft, Unbequemes offen zu benennen — Kinderzimmer, unbelegte Familienlegenden —, glaubwürdig. Wo sie zwischen Beleg und Wunsch trennt, etwa bei Totzeret Ha’aretz, ist sie methodisch vorbildlich.

Auch der historische Befund zur Pionierleistung ist im Kern korrekt. Dass die zionistische Einwanderung in erheblichem Umfang auf legalen Landkäufen beruhte, dass Sümpfe trockengelegt, Plantagen angelegt und eine Industrie aufgebaut wurden, ist gut belegt und auch von kritischen Historikern nicht ernsthaft bestritten. Tishbys Zahlen zur geringen Bevölkerungsdichte vor dem 19. Jahrhundert geben einen realen Sachverhalt wieder.

Strittig — und das ist Tishbys umstrittenster Punkt — ist die Zuspitzung. Erstens ist das „leeres Land“-Motiv historisch heikel: Palästina war keineswegs menschenleer. Eine ansässige, überwiegend arabische Bevölkerung von mehreren Hunderttausend Menschen ist gerade durch Tishbys eigene Zahlen belegt — eine niedrige Bevölkerungsdichte widerlegt deren Existenz nicht. Tishby räumt das teils selbst ein, zieht die Pointe aber dennoch durch.

Zweitens ist der Schluss von „kein Staat“ auf „keine Besetzung“ eine Wertung, kein Faktum. Dass es 1900 keinen souveränen palästinensischen Staat im modernen Sinne gab, ist richtig; daraus folgt aber nicht, dass die ansässige Bevölkerung keine kollektiven Ansprüche oder keine politische Identität besessen hätte. Hier wird ein staatsrechtliches Argument (Souveränität) gegen ein moralisch-politisches (Zugehörigkeit, Selbstbestimmung) ausgespielt — ein Kategorienwechsel, der die eigentliche Streitfrage eher verschiebt als beantwortet.

Genau hier setzte die prominenteste Kritik an: Der Rezensent Jonathan Guyer warf dem Buch im Guardian vor, palästinensische Identität und Geschichte abzutun. Fair ist allerdings zu sagen: Tishby behauptet nirgends, es habe überhaupt keine arabischen Bewohner gegeben, und sie bestreitet legitime Eigentumsansprüche nicht. Ihr Punkt ist enger — und gerade deshalb wird er in der Debatte oft überdehnt zitiert.

Fazit: Kapitel V ist als Familienporträt und als Schilderung der zionistischen Aufbauleistung stark und verlässlich. Als historisch-politisches Argument ist es selektiv pointiert: Die Fakten stimmen weitgehend, die Pointe („leeres Land“, „keine Besetzung“) zieht aus ihnen mehr, als sie hergeben. Wer das Kapitel liest, sollte die warme, beleghafte Erzählung von der zuspitzenden Schlussthese unterscheiden — Tishby selbst liefert mit ihren eigenen Einschränkungen das Werkzeug dazu.