Israel · Noa Tishby
Glossar

Die zentralen Begriffe

Das Begriffsnetz von Tishbys Buch auf einen Blick.

Noa Tishbys Israel. Der Faktencheck über das am meisten missverstandene Land der Welt bewegt sich zwischen drei Jahrtausenden Geschichte, der Hochsprache der Diplomatie und der Schlagwortwelt heutiger Debatten. Wer das Buch liest, stößt deshalb auf hebräische Begriffe, völkerrechtliche Fachausdrücke, Vertrags- und Resolutionsnummern sowie politische Kampfbegriffe, die im Alltag oft unscharf verwendet werden. Dieses Glossar erklärt sie in sechs thematischen Gruppen – und macht dort, wo Tishby einem Begriff eine eigene Färbung gibt, den Hinweis „bei Tishby“ ausdrücklich.

1 · Zionismus & Einwanderung

Tishbys Buch beginnt nicht beim Konflikt, sondern beim Traum: bei der Idee, dass das jüdische Volk in seine historische Heimat zurückkehren könne, und bei den Menschen, die diese Idee zwischen 1880 und 1948 in Sumpf, Stein und Acker übersetzten. Tishby legt Wert darauf, dass Zionismus eine nationale Befreiungsbewegung sei – und gerade kein „weißer Siedler“-Kolonialismus.

Zionismus
Die im späten 19. Jahrhundert entstandene nationale Bewegung mit dem Ziel, im historischen Land Israel (Zion) eine jüdische Heimstätte und später einen jüdischen Staat zu errichten. Herzls Der Judenstaat (1896) und der Erste Zionistenkongress (1897) gelten als Gründungsmomente. Bei Tishby ist Zionismus schlicht „die Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes“ – eine Selbstbestimmungsbewegung wie andere auch, kein Synonym für Rassismus oder Kolonialismus. bei Tishby
Antizionismus
Die Ablehnung des Zionismus, in ihrer harten Form die Bestreitung des Existenzrechts eines jüdischen Staates. Tishby unterscheidet scharf zwischen legitimer Kritik an israelischer Politik und einem Antizionismus, der allein dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung abspricht – darin sieht sie eine modern getarnte Spielart des Antisemitismus. bei Tishby
Aliyah
Hebräisch „Aufstieg“ – die Einwanderung von Juden ins Land Israel, traditionell als Hinaufsteigen nach Jerusalem verstanden. Historiker zählen mehrere große Wellen (Erste Aliyah ab 1882, Zweite ab 1904). Wer einwandert, ist ein Ole (Plural Olim); das Wort trägt bis heute eine feierliche Note.
Halutz / Pionier
Der Halutz (Plural Halutzim) ist der zionistische Pionier, der das Land urbar machte, Sümpfe trockenlegte und Kollektivsiedlungen aufbaute. Das Ideal des arbeitenden Juden stand bewusst gegen das Klischee des entwurzelten Diaspora-Intellektuellen. Tishby erzählt ihre Familiengeschichte entlang dieses Pioniertums. bei Tishby
Hechaluz
„Der Pionier“ – eine Anfang des 20. Jahrhunderts in Osteuropa und Russland entstandene Jugend- und Ausbildungsbewegung, die junge Juden landwirtschaftlich und handwerklich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete. Sie speiste die Einwanderungswellen mit gerüsteten Halutzim.
Jischuv
Die jüdische Wohnbevölkerung im Land Israel vor 1948, mit Institutionen, Milizen und faktischer Selbstverwaltung. Der „neue Jischuv“ der zionistischen Einwanderer wird vom traditionellen, religiösen „alten Jischuv“ unterschieden. Bei Tishby ein eigenständiges politisches Subjekt, das über Krieg, Frieden und die Annahme des UN-Teilungsplans entschied. bei Tishby
Kibbuz
Eine kollektive, ursprünglich landwirtschaftliche Siedlung mit gemeinsamem Eigentum, gemeinsamer Arbeit und gemeinschaftlicher Kindererziehung; Plural Kibbuzim, ein Mitglied ein Kibbuznik. Der erste Kibbuz, Degania, entstand 1909/10. Tishby hebt die Kibbuzim als sozialistisches Experiment und frühen Schauplatz weiblicher Gleichberechtigung hervor.
Moschava
Eine private, auf Einzeleigentum beruhende ländliche Siedlung der ersten Einwanderungswelle – im Unterschied zum kollektiven Kibbuz. Orte wie Petach Tikwa oder Rischon LeZion gehören zu den klassischen Moschawot; sie markieren den bürgerlich-bäuerlichen Strang der Besiedlung.
Diaspora
Griechisch „Zerstreuung“ – das Leben des jüdischen Volkes außerhalb des Landes Israel, über Jahrhunderte verstreut, oft unter Verfolgung. Der Zionismus verstand sich als Antwort auf die Verletzlichkeit der Diaspora-Existenz, aus der heraus der Wunsch nach einem souveränen Staat entstand.
Ansiedlungsrayon
Das vom Russischen Reich seit dem späten 18. Jahrhundert festgelegte Gebiet im Westen, in dem Juden überhaupt nur wohnen durften. Diese rechtliche Einsperrung, verbunden mit Pogromen, trieb viele Juden in Auswanderung und Pionierbewegung. Bei Tishby steht er für die konkrete Unfreiheit, die ihre Vorfahren in den Zionismus trieb. bei Tishby
Protokolle der Weisen von Zion
Eine im zaristischen Russland um 1903 gefälschte Schrift, die eine angebliche jüdische Weltverschwörung „belegen“ sollte. Längst als Fälschung entlarvt, wirkte sie als eines der einflussreichsten antisemitischen Hetzwerke fort, bis hin zur NS-Propaganda. Tishby führt sie als Musterbeispiel dafür an, wie sich antisemitische Lügen über Jahrzehnte halten. bei Tishby
AltNeuLand
Theodor Herzls utopischer Roman von 1902, in dem er den künftigen jüdischen Staat als liberales, technisch fortschrittliches und multikulturelles Gemeinwesen ausmalt. Berühmt ist der Leitsatz „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Tishby zitiert das Buch, um zu zeigen, dass der Zionismus von Anfang an eine Vision von Koexistenz enthielt. bei Tishby

2 · Land & Geschichte

Bevor Tishby zum modernen Konflikt kommt, fragt sie nach der Tiefe der jüdischen Verbindung zum Land – und nach den Verträgen, mit denen die europäischen Großmächte den Nahen Osten im Ersten Weltkrieg neu ordneten. Ihre Pointe: Die jüdische Präsenz beginnt nicht erst 1948, sondern ist archäologisch über Jahrtausende belegt.

Indigenität
Das Konzept der Ursprünglichkeit oder Bodenständigkeit eines Volkes in einem Gebiet. Tishby setzt es bewusst ein, um zu argumentieren, dass die Juden im Land Israel ein indigenes Volk seien – mit dort entstandener Sprache, Religion und Kultur – und keine von außen eingewanderte Kolonialmacht. bei Tishby
Dhimmi
Im klassischen islamischen Recht der Status nicht-muslimischer „Schutzbefohlener“ (vor allem Juden und Christen), die ihre Religion behalten durften, dafür aber Sondersteuern zahlten und als Menschen zweiter Klasse galten. Tishby beschreibt damit die historische Stellung der Juden in muslimisch beherrschten Ländern nüchtern: geschützt, aber rechtlich nachgeordnet. bei Tishby
Erster Tempel
Der nach biblischer Überlieferung von König Salomo in Jerusalem errichtete Tempel, religiöses und nationales Zentrum des alten Israel, 586 v. Chr. von den Babyloniern zerstört. Bei Tishby ein Marker der jahrtausendealten Verwurzelung des jüdischen Volkes in Jerusalem.
Zweiter Tempel
Der nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil errichtete und unter Herodes prunkvoll ausgebaute Tempel, religiöses Herz des Judentums bis zur Zerstörung durch die Römer 70 n. Chr. Die erhaltene Westmauer („Klagemauer“) stammt aus seiner Umfassung. Seine Zerstörung leitete die lange Diaspora-Epoche ein.
Merenptah-Stele
Eine altägyptische Inschrift des Pharaos Merenptah, datiert auf etwa 1208 v. Chr., die als älteste außerbiblische Erwähnung des Namens „Israel“ gilt. Tishby führt sie als archäologischen Beleg an: ein Volk namens Israel war schon vor über 3000 Jahren in der Region präsent. bei Tishby
Mandatsgebiet Palästina
Das nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches dem Vereinigten Königreich vom Völkerbund 1922 übertragene Mandat zur Verwaltung „Palästinas“. Es umfasste zunächst auch das Gebiet östlich des Jordan (später Transjordanien). In diesem Rahmen wuchsen jüdischer Jischuv und arabische Bevölkerung nebeneinander – und in wachsendem Konflikt – heran.
Balfour-Deklaration
Ein Schreiben des britischen Außenministers Arthur Balfour von 1917, in dem Großbritannien die Errichtung einer „nationalen Heimstätte“ für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen unterstützte – bei gleichzeitiger Wahrung der Rechte der nicht-jüdischen Gemeinschaften. Sie gilt als völkerrechtlicher Meilenstein des Zionismus.
Sykes-Picot-Abkommen
Ein geheimes Abkommen von 1916, mit dem Großbritannien und Frankreich (unter Beteiligung Russlands) die arabischen Gebiete des Osmanischen Reiches in Einflusszonen aufteilten. Es zog künstliche Grenzen quer durch den Nahen Osten, deren Folgen bis heute nachwirken. Tishby führt es als Beleg dafür an, dass die europäischen Mächte die Region nach eigenen Interessen ordneten. bei Tishby
Hussein-McMahon-Korrespondenz
Ein Briefwechsel von 1915/16 zwischen dem britischen Hochkommissar McMahon und Scharif Hussein von Mekka, in dem die Briten arabische Unabhängigkeit als Gegenleistung für den Aufstand gegen die Osmanen in Aussicht stellten. Reichweite und Grenzen blieben strittig. Tishby nennt sie neben Balfour und Sykes-Picot, um das Dilemma der widersprüchlichen britischen Versprechen zu verdeutlichen.

3 · Staat, Kriege & Frieden

Mit der Staatsgründung 1948 beginnt die Geschichte eines Landes im Dauerkonflikt – und zugleich die Geschichte wiederholter, oft gescheiterter Friedensanläufe. Tishby nimmt beide Erzählungen ernst: das israelische Trauma der Bedrohung und die palästinensische Erfahrung von Flucht und Vertreibung.

Unabhängigkeitskrieg
Der Krieg von 1948/49, der unmittelbar nach Israels Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 ausbrach, als mehrere arabische Staaten den neuen Staat angriffen. Aus israelischer Sicht ein Überlebenskampf; aus palästinensischer Sicht ist derselbe Krieg mit der Nakba verbunden – Tishby benennt beide Perspektiven. bei Tishby
Grüne Linie
Die Waffenstillstandslinie von 1949, die Israel von Jordanien (Westjordanland) und Ägypten (Gazastreifen) trennte; benannt nach der grünen Farbe auf den Karten. Keine völkerrechtlich anerkannte Grenze, dient aber bis heute als Bezugslinie für Verhandlungen über Israels „Grenzen von 1967“.
Sechstagekrieg
Der Krieg vom Juni 1967, in dem Israel in sechs Tagen Ägypten, Jordanien und Syrien schlug und dabei Westjordanland, Ostjerusalem, Gazastreifen, Sinai und Golanhöhen unter Kontrolle brachte. Er schuf die bis heute strittige Frage der besetzten Gebiete. Tishby schildert ihn als präventiv geführten Überlebenskrieg. bei Tishby
Jom-Kippur-Krieg
Der Krieg vom Oktober 1973, in dem Ägypten und Syrien Israel am höchsten jüdischen Feiertag überraschend angriffen. Israel wurde zunächst schwer getroffen, konnte den Angriff aber abwehren; der Krieg gilt als nationales Trauma und zugleich als Auftakt zum späteren Frieden mit Ägypten.
UN-Resolution 242
Die nach dem Sechstagekrieg 1967 verabschiedete Resolution des UN-Sicherheitsrats, die die Formel „Land für Frieden“ prägte: Rückzug aus (im englischen Wortlaut bewusst unbestimmten) Gebieten gegen Anerkennung und sichere Grenzen. Ihre genaue Auslegung ist seit Jahrzehnten umstritten und bildet den Rahmen späterer Verhandlungen.
Fedajin
Arabisch für „sich Opfernde“ – bewaffnete palästinensische Kämpfer, die vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren von Nachbarstaaten aus Angriffe gegen Israel verübten. Sie zählen zu den frühen Akteuren des bewaffneten Konflikts, der Phase grenzüberschreitender Gewalt vor der Gründung der PLO.
Intifada
Arabisch „Abschütteln“, „Aufstand“ – die palästinensischen Erhebungen gegen die israelische Kontrolle. Die Erste Intifada (1987–1993) war überwiegend von Steinwürfen geprägt, die Zweite (2000–2005) von schweren Selbstmordanschlägen. Tishby schildert besonders die Zweite als traumatischen Bruch, der das israelische Vertrauen in den Friedensprozess erschütterte. bei Tishby
Oslo-Abkommen
Die 1993 und 1995 geschlossenen Vereinbarungen zwischen Israel und der PLO, die gegenseitige Anerkennung und eine schrittweise palästinensische Selbstverwaltung vorsahen; aus ihnen ging die Palästinensische Autonomiebehörde hervor. Tishby behandelt Oslo als Hoffnungsmoment, dessen Scheitern – samt der Ermordung Jitzhak Rabins – sie als Tragödie beschreibt. bei Tishby
Camp-David-Abkommen / -Gipfel
Zwei verschiedene Ereignisse am selben Ort: Die Abkommen von 1978 (unter Carter) bahnten den Frieden zwischen Israel und Ägypten an. Der Gipfel von 2000 (unter Clinton, mit Barak und Arafat) sollte den israelisch-palästinensischen Konflikt lösen, scheiterte jedoch. Tishby nennt vor allem 2000 als Beispiel für ein weitreichendes israelisches Angebot ohne Einigung. bei Tishby
Nakba
Arabisch „Katastrophe“ – die palästinensische Bezeichnung für Flucht und Vertreibung von etwa 700.000 Arabern im Zuge des Krieges von 1948 und für den ausgebliebenen eigenen Staat. Tishby anerkennt das palästinensische Leid ausdrücklich, weist aber die Lesart eines von langer Hand geplanten Vertreibungsprogramms zurück und verweist auf Krieg, Flucht und arabische Aufrufe zur Flucht. bei Tishby
„Recht auf Rückkehr“
Die Forderung, dass palästinensische Flüchtlinge von 1948 und ihre Nachkommen in das heutige Israel zurückkehren dürften. Tishby behandelt sie als zentralen Streitpunkt: Ein uneingeschränktes Rückkehrrecht für Millionen Nachkommen würde, so ihr Argument, die jüdische Mehrheit und damit den jüdischen Charakter des Staates aufheben. bei Tishby
UNRWA
Das 1949 gegründete Hilfswerk der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge, zuständig für Bildung, Gesundheit und Versorgung. Eine Besonderheit ist, dass es den Flüchtlingsstatus über Generationen vererbt – anders als das UNHCR. Tishby kritisiert diese Vererbung als Mechanismus, der das Flüchtlingsproblem dauerhaft am Leben halte, statt es zu lösen. bei Tishby

4 · Besatzung & Siedlungen

Kaum ein Wort ist im Konflikt so aufgeladen wie „Besatzung“. Tishby widmet ihm ein eigenes Kapitel, legt Wert auf die juristische Bedeutung und verteidigt die Siedlungen keineswegs nur – sie zählt sie zu den umstrittensten und für sie selbst schwierigsten Kapiteln israelischer Politik.

occupatio bellica
Der völkerrechtliche Fachbegriff für die „kriegerische Besetzung“ eines Gebiets, das im Krieg unter die Kontrolle einer fremden Macht gerät, ohne dass diese Souveränität erwirbt. Tishby verwendet den lateinischen Terminus, um klarzumachen, dass „Besatzung“ ein definierter Rechtszustand mit Rechten und Pflichten ist – kein bloßes moralisches Schimpfwort. bei Tishby
Allon-Plan
Ein 1967 vom Arbeitsminister Jigal Allon entworfener, nie offiziell beschlossener Plan zur teilweisen Besiedlung und Sicherung des nach dem Sechstagekrieg eroberten Gebiets, der strategische Zonen halten, andere zurückgeben wollte. Tishby führt ihn an, um zu zeigen, dass die Siedlungspolitik anfänglich vor allem sicherheitspolitisch begründet wurde. bei Tishby
Gusch Emunim
„Block der Gläubigen“ – eine 1974 gegründete religiös-zionistische Bewegung, die die Besiedlung des gesamten biblischen Landes Israel (einschließlich des Westjordanlands, Judäa und Samaria) als religiöses Gebot verstand. Bei Tishby steht sie für den Punkt, an dem aus sicherheitspolitischer Siedlung eine messianisch aufgeladene Bewegung wurde. bei Tishby
Gebiete A / B / C
Die im Oslo-Prozess (1995) festgelegte Aufteilung des Westjordanlands: A unter voller palästinensischer Kontrolle, B unter palästinensischer Zivil- und gemeinsamer Sicherheitsverwaltung, C unter voller israelischer Kontrolle. Als Übergangsregelung gedacht, verfestigte sich die Einteilung. Tishby nutzt sie, um die zerklüftete Verwaltungsrealität verständlich zu machen.
Sicherheitsmauer / Trennungsmauer
Die ab 2002, vor allem als Reaktion auf die Selbstmordanschläge der Zweiten Intifada, errichtete Sperranlage zwischen Israel und Teilen des Westjordanlands – größtenteils Zaun, teilweise Betonmauer. Israel nennt sie „Sicherheitsbarriere“, Kritiker „Trennungs-“ oder „Apartheidmauer“. Tishby verweist auf den drastischen Rückgang der Anschläge, benennt aber auch die Kritik an Verlauf und Folgen für Palästinenser. bei Tishby

5 · Akteure & Konflikt heute

Der zweite Teil des Buches richtet den Blick auf die Gegenwart: auf die Organisationen, die den Konflikt tragen, und auf die Begriffe, mit denen er heute in westlichen Öffentlichkeiten verhandelt wird. Tishby unterscheidet sorgfältig zwischen politischen Akteuren, Terrororganisationen und Debattenvokabular – und führt eigene Kriterien ein, um legitime Kritik von Antisemitismus zu trennen.

PLO
Die 1964 gegründete Palästinensische Befreiungsorganisation, lange Dachverband mehrerer Gruppen und international anerkannte Vertretung der Palästinenser. Ursprünglich auf die Beseitigung Israels ausgerichtet, erkannte sie im Oslo-Prozess Israels Existenzrecht an. Tishby behandelt sie über Jassir Arafat als zentralen Verhandlungspartner und zugleich als Akteur einer langen Phase des Terrors.
Palästinensische Autonomiebehörde
Die aus dem Oslo-Prozess hervorgegangene Selbstverwaltung der Palästinenser in Teilen des Westjordanlands, geführt von der Fatah. Sie ist für Verwaltung, Bildung und teils Sicherheit zuständig, kontrolliert aber kein souveränes Staatsgebiet. Tishby unterscheidet sie deutlich von der islamistischen Hamas, die ihr 2007 die Kontrolle über Gaza entriss.
Muslimbruderschaft
Eine 1928 in Ägypten gegründete islamistische Massenbewegung, die einen auf der Scharia beruhenden Staat anstrebt und in vielen Ländern Ableger hat. Sie gilt als ideologischer Mutterboden zahlreicher islamistischer Organisationen. Bei Tishby vor allem als Wurzel der Hamas wichtig, deren Welt- und Feindbild sie maßgeblich prägte. bei Tishby
Hamas
Die 1987 gegründete islamistische Bewegung, ein Ableger der Muslimbruderschaft, die seit 2007 den Gazastreifen beherrscht. Ihre Charta ruft zur Vernichtung Israels auf; von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft. Tishby beschreibt sie als religiös-totalitäre Organisation, die eine Zweistaatenlösung grundsätzlich ablehnt und eigene Zivilisten als Schutzschilde missbrauche. bei Tishby
Al-Qassam-Brigaden
Der bewaffnete Flügel der Hamas, benannt nach dem Prediger Izz ad-Din al-Qassam. Verantwortlich für Raketenangriffe, Anschläge und militärische Operationen gegen Israel. Tishby führt die Brigaden als operativen Arm an, der die Gewaltpolitik der Hamas in die Tat umsetzt.
Scharia
Das islamische religiöse Gesetz, abgeleitet aus Koran und Überlieferung, das in islamistischen Konzepten zur verbindlichen Staatsordnung erhoben werden soll. Tishby erwähnt sie vor allem im Zusammenhang mit den Zielen von Muslimbruderschaft und Hamas, um deren theokratisches Modell vom säkular-demokratischen Modell Israels abzugrenzen.
Hisbollah
Eine 1982 im Libanon entstandene, vom Iran unterstützte schiitisch-islamistische Bewegung mit Partei und schlagkräftiger Miliz, die Israel offen bekämpft. Sie verfügt über ein großes Raketenarsenal und ist tief in die libanesische Politik verflochten. Bei Tishby steht sie für die von Norden drohende, iranisch gesteuerte Front. bei Tishby
BDS
Die Kampagne „Boycott, Divestment, Sanctions“ (Boykott, Kapitalabzug, Sanktionen), die wirtschaftlichen und kulturellen Druck auf Israel ausüben will. Tishby kritisiert sie scharf: weniger eine Menschenrechts- als eine delegitimierende Kampagne, die das Existenzrecht Israels in Frage stelle und gezielt arabische Künstler unter Druck setze. bei Tishby
3-D-Test
Ein vom Menschenrechtsaktivisten Nathan Scharanski formuliertes Prüfraster, um Israelkritik von Antisemitismus zu unterscheiden: Delegitimierung, Dämonisierung und Doppelstandards. Überschreitet Kritik eine dieser Linien, sei sie antisemitisch. Tishby übernimmt den Test als Werkzeug ihres „Faktenchecks“ und betont, dass sachliche Kritik ausdrücklich erlaubt sei. bei Tishby
Intersektionalität
Ein ursprünglich akademisches Konzept, das die Überlagerung verschiedener Diskriminierungsformen (Geschlecht, Hautfarbe, Klasse) beschreibt. Tishby kritisiert dessen politische Verwendung in der Israeldebatte: Teile der Bewegung verknüpften über die Intersektionalität legitime soziale Anliegen mit antiisraelischen Positionen und schöben Israel pauschal auf die „Unterdrücker“-Seite. bei Tishby
„PEP“
Abkürzung für „Progressive Except for Palestine“ – „progressiv, außer beim Thema Palästina“. Der Begriff wird als Vorwurf benutzt, um Linksliberale zu diskreditieren, die in allen Fragen progressiv seien, nur Israel gegenüber nicht. Tishby zitiert ihn als Beispiel dafür, wie Pro-Israel-Liberale über Identitätspolitik aus dem progressiven Lager hinausgedrängt würden. bei Tishby

6 · Gesellschaft & Innovation

Tishby will Israel nicht nur als Konfliktzone zeigen, sondern als vielfältige Gesellschaft und technologisches Kraftzentrum. Die letzte Gruppe versammelt die ethnisch-religiösen Gruppen, charakteristische Worte des Lebensgefühls und die Stichworte der „Start-up-Nation“. Hier ist Tishbys Ton am wenigsten polemisch, am stärksten von Stolz und Selbstironie geprägt.

Aschkenasim
Juden mittel- und osteuropäischer Herkunft mit eigener Liturgie, Sprache (Jiddisch) und Tradition. Sie prägten den frühen Zionismus und lange Zeit die israelischen Eliten. Tishby ordnet die Gruppe in das vielfältige Mosaik der jüdischen Bevölkerung ein und benennt die historischen Spannungen zwischen aschkenasischer und orientalischer Prägung.
Mizrachim
Juden aus den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas (wörtlich „Orientalen“), die nach 1948 oft unter Verfolgung aus arabischen Staaten nach Israel kamen. Sie machen heute einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung aus. Tishby hebt hervor, dass die meisten Israelis gerade keine europäischen „Weißen“ seien – ein Argument gegen die Erzählung vom kolonialen Siedlerstaat. bei Tishby
Charedim
Die ultraorthodoxen Juden (Singular Charedi), die ein streng religiöses Leben führen, oft in eigenen Vierteln, mit traditioneller Kleidung und intensivem Tora-Studium. Sie machen etwa ein Siebtel der jüdischen Israelis aus und stehen in Spannung zur säkularen Mehrheit (etwa beim Militärdienst). Tishby beschreibt sie als sichtbaren, wachsenden und politisch einflussreichen Teil.
Schas
Eine ultraorthodoxe Partei, die vor allem die Interessen religiöser Mizrachim vertritt und in der israelischen Koalitionspolitik regelmäßig eine Rolle spielt. Sie steht beispielhaft für das Gewicht religiöser Parteien im Verhältniswahlsystem. Tishby führt sie als Beleg für die enge Verflechtung von Religion und Politik an.
Drusen
Eine eigenständige religiöse und ethnische Gemeinschaft, historisch aus dem schiitischen Islam hervorgegangen, mit einer geheimen, exklusiven Glaubenslehre. Israelische Drusen leisten – anders als die meisten arabischen Bürger – in der Regel Militärdienst und gelten als loyale Minderheit. Tishby nennt sie als Beispiel für die religiöse Vielfalt der Gesellschaft.
Zeloten / Sicarii
Radikale jüdische Gruppen der römischen Zeit: die Zeloten als kompromisslose Aufständische gegen Rom, die Sicarii („Dolchmänner“) als deren besonders gewaltbereiter Flügel, der Gegner heimlich ermordete. Sie gehören in den Kontext des jüdisch-römischen Krieges und der Belagerung von Masada. Tishby illustriert mit ihnen die Tiefe der jüdischen Geschichte im Land.
Chuzpe
Ein jiddisches Wort für Dreistigkeit, Frechheit, kühne Unverfrorenheit – je nach Kontext tadelnd oder bewundernd. Im israelischen Selbstbild gilt eine gewisse Chuzpe als Tugend: der Mut, Autoritäten zu hinterfragen und Unmögliches zu wagen. Tishby verbindet diese Eigenschaft mit dem israelischen Erfindergeist und Unternehmertum. bei Tishby
Start-up-Nation
Ein geprägtes Schlagwort für Israel als Land mit außergewöhnlich hoher Dichte an technologischen Neugründungen und Risikokapital. Es geht auf ein gleichnamiges Buch zurück und beschreibt eine Kultur, in der Militärdienst, Einwanderung und Chuzpe Innovation befördern. Tishby feiert diese Seite als Beleg dafür, dass das Land weit mehr ist als sein Konflikt. bei Tishby
MASHAV
Die israelische Agentur für internationale Entwicklungszusammenarbeit, die seit 1958 vor allem in Entwicklungsländern Know-how in Landwirtschaft, Wasser und Gesundheit weitergibt. Tishby führt sie als Beispiel für das humanitäre und entwicklungspolitische Engagement Israels an.
IsraAID
Eine israelische humanitäre Nichtregierungsorganisation, die weltweit bei Katastrophen – Erdbeben, Überschwemmungen, Flüchtlingskrisen – Soforthilfe leistet, oft auch in Ländern ohne diplomatische Beziehungen zu Israel. Tishby nennt sie als Beleg dafür, dass israelische Hilfe nicht an politischen Grenzen haltmache. bei Tishby
Iron Dome
Das israelische Raketenabwehrsystem („Eiserne Kuppel“), das anfliegende Kurzstreckenraketen erkennt und gezielt jene abfängt, die bewohnte Gebiete treffen würden. Es hat unzählige Leben geschützt und gilt als technologisches Vorzeigeprojekt. Tishby führt es als Beispiel dafür an, wie Israel auf Raketenbeschuss mit Verteidigung statt Eskalation reagiere. bei Tishby
Tröpfchenbewässerung
Eine in Israel entwickelte Bewässerungstechnik, bei der Wasser tropfenweise und gezielt an die Pflanzenwurzeln geleitet wird – mit drastischer Wassereinsparung. Sie revolutionierte die Landwirtschaft in trockenen Regionen weltweit. Tishby nennt sie als Paradebeispiel israelischer Innovationskraft im Umgang mit Wassermangel.