BDS
Drei Buchstaben — Boycott, Divestment, Sanctions —, die Tishby für ihre größte Streitschrift wählt. Ihre kompromisslose These: BDS sei keine Bewegung für Gerechtigkeit oder Frieden, sondern arbeite verdeckt an der Beseitigung des Staates Israel. Geprüft am 3-D-Test nach Scharanski — und am Beispiel SodaStream.
Das zehnte Kapitel ist Tishbys kämpferischstes. Es richtet sich nicht gegen ein historisches Ereignis oder eine Regierung, sondern gegen eine zeitgenössische Protestbewegung, die in liberalen Milieus, auf US-Campus und unter Millennials wie der Generation Z große Sympathie genießt. Tishby setzt sich zum Ziel, „das, was sie zu sein vorgibt, und worum es ihr tatsächlich geht“ auseinanderzuhalten. Sie entfaltet das in drei Schritten — einer Definition der Bewegung, einer Geschichte des arabischen Boykotts und einer Prüfung am sogenannten 3-D-Test — und garniert es mit persönlichen Anekdoten, von SodaStream im Westjordanland bis zu einem Telefonat mit „meinem Freund Mick“. Es ist zugleich das Kapitel, in dem Tishby am offensten als Aktivistin spricht.
1Was zum Teufel ist BDS?
Tishby beginnt mit einer Verortung ihres Publikums. Wer in den letzten fünfzehn Jahren keinen College-Campus betreten habe, werde von dieser „wiederbelebten Bewegung“ vermutlich nichts mitbekommen haben. Wer sich aber zwischen Millennials und Generation Z bewege oder mit der politischen Linken verbunden sei, dem sei der Name begegnet — und habe ihn vielleicht sogar „bewundernswert“ gefunden. Genau dieses Wohlwollen ist Tishbys Gegner.
BDS stehe für „Boycott, Divestment, Sanctions“ — Boykott, Desinvestition, Sanktionen — und habe genau dies zum Ziel: einen Wirtschaftskrieg gegen Israel zu führen. Konkret heiße das, Investitionen abzuziehen, israelische Produkte und Hochschulen zu boykottieren und Sanktionen zu verhängen, „wie sie gegen das südafrikanische Apartheidsystem verhängt wurden“. Die Bewegung stelle sich selbst als „bürgergeführte“ Organisation und als „die große Hoffnung des palästinensischen Volkes“ dar. Tishby zitiert die offizielle Selbstdefinition:
Boykott, Desinvestition, Sanktionen (BDS) ist eine von Palästinensern geführte Bewegung für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit. BDS vertritt den einfachen Grundsatz, dass die Palästinenser Anspruch auf die gleichen Rechte wie der Rest der Menschheit haben.
BDS-Website, zit. Kap. X, S. 244Bemerkenswert ist Tishbys erste Reaktion: „Auch ich stehe voll und ganz hinter dem oben Gesagten.“ Die gängige Darstellung — BDS fordere einen Boykott nur als Reaktion auf die israelische Politik und nur, um Israel zu einer Zweistaatenlösung zu drängen — nennt sie eine „politisch korrekte, äußerst sympathische Botschaft“. Eben deshalb werde die Bewegung von Teilen des US-Repräsentantenhauses gestützt (Rashida Tlaib, Ilhan Omar, Alexandria Ocasio-Cortez) und vom ehemaligen britischen Labour-Chef Jeremy Corbyn. In nur fünfzehn Jahren habe BDS die Diskussion über Israel „ziemlich erfolgreich“ verändert und sei zu einer „angesagten Freizeitbeschäftigung für die woken Leute“ in ihrem eigenen Freundeskreis geworden. „Aber nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein“ — mit diesem Satz kippt das Kapitel von der Beschreibung in die Anklage.
Im Abschnitt mit der rhetorischen Überschrift „Was versteckt ihr hinter eurem Rücken?“ formuliert Tishby ihre Kernthese in einem einzigen, programmatischen Satz — dem wohl meistzitierten Urteil des Kapitels:
BDS ist keine Bewegung für Gerechtigkeit oder Frieden. Die Bewegung bietet keine Lösungen für den Frieden an, nirgendwo.
Kap. X, S. 245Die BDS-Führung versuche, dies „nicht laut auszusprechen“. Tishbys Methode ist durchsichtig und wirkungsvoll: Sie stellt den drei erklärten Zielen jeweils das gegenüber, was die Bewegung ihrer Ansicht nach „bequemerweise ignoriert“. Der Vorwurf lautet nicht, BDS lüge in jedem Satz, sondern: BDS arbeite mit gezielten Weglassungen, um „ahnungslose, wohlmeinende und schlecht informierte“ Menschen zu manipulieren.
2Die drei erklärten Ziele
Tishby nimmt die drei offiziellen BDS-Forderungen einzeln auseinander. Ziel Nr. 1 — die Beendigung der israelischen Besetzung „allen arabischen Landes“ — sei „absichtlich undurchsichtig“; doch ihre Führer stellten die Dinge klar, wenn man sie direkt frage. Sie wollten „einfach, dass Israel nicht existiert“. Als Beleg führt Tishby BDS-Gründer Omar Barghouti an:
Wir sind definitiv, ganz definitiv gegen einen jüdischen Staat in irgendeinem Teil Palästinas.
Omar Barghouti, zit. Kap. X, S. 245Ziel Nr. 2 — die vollständige Gleichstellung der arabisch-palästinensischen Bürger Israels — sei bereits erfüllt: Diese seien „bereits gleichberechtigt“, und das sei „eine großartige Sache“. Tishby kontert mit einer Gegenfrage: Wie behandle die Hamas die Palästinenser im Gazastreifen? Sie verprügle unbewaffnete Demonstranten, foltere Journalisten, verübe Ehrenmorde und verfolge LGBTQ+-Menschen. „Für wessen Rechte kämpft die BDS-Bewegung eigentlich?“ Ziel Nr. 3 — das Rückkehrrecht der Flüchtlinge — stütze sich auf das aus Tishbys Sicht „verquere Konzept eines vererbbaren Flüchtlingsstatus“: Zwischen 700.000 und 750.000 Palästinenser hätten 1948 ihre Heimat verloren, doch heute seien bei der UNRWA 5,6 Millionen „Flüchtlinge“ registriert — eine automatische Vererbbarkeit, die es bei keiner anderen Flüchtlingsgruppe weltweit gebe.
| Erklärtes BDS-Ziel | Tishbys Gegenargument / was verschwiegen werde |
|---|---|
| 1. Ende der Besetzung „allen arabischen Landes“ | Unklare Formel; die Führung wolle in Wahrheit kein Israel „in irgendeinem Teil Palästinas“ (Barghouti). |
| 2. Gleichstellung der arabischen Bürger Israels | Diese seien bereits gleichberechtigt; kein Wort zur Behandlung der Palästinenser durch die Hamas. |
| 3. Rückkehrrecht der Flüchtlinge | Stütze sich auf vererbbaren Flüchtlingsstatus (UNRWA), den es sonst nirgends gebe; ignoriere arabische Kriegsverantwortung. |
| Was komplett fehle | Hamas, Scharia, Selbstmordattentate, Angriffstunnel, menschliche Schutzschilde — auf der ganzen Website „niemals“ erwähnt. |
Tishby führt Zitate der BDS-Website an und stellt ihnen das gegenüber, was dort „bequemerweise weggelassen“ werde. So spreche BDS von der „brutalen Vertreibung von fast 800.000 Palästinensern“ (al-Nakba) und lasse aus, dass Israel dem UN-Teilungsplan zustimmte und die Araber ihn ablehnten und den neuen Staat angriffen. Eine systematische ethnische Säuberung habe es „buchstäblich“ nicht gegeben — was sich daran zeige, dass israelische Araber 21 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Die Pointe des Abschnitts:
Auf ihrer gesamten Website, in ihrem gesamten leidenschaftlichen Plädoyer für die Menschenrechte, erwähnt BDS niemals die radikal-islamistische Organisation, die heute fast die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung … kontrolliert, unterdrückt und terrorisiert.
Kap. X, S. 2503Geschichte des Boykotts: 1945, 1951, 2005
Unter der Überschrift „Anti-Israel oder antisemitisch?“ rollt Tishby die Vorgeschichte auf. Ihr zentrales Argument: Die Boykottbewegung gab es schon vor Israels Staatsgründung und habe „nichts mit den jüngsten Landstreitigkeiten im Westjordanland“ zu tun. Die weltweite arabische Boykottbewegung begann 1945 mit der Gründung der Arabischen Liga. Im Dezember 1945 — „fünf kurze Monate nach dem Ende der Massenvernichtung des europäischen Judentums und drei Jahre vor der Gründung Israels“ — habe die Liga ihre erste kollektive Maßnahme ergriffen: einen offiziellen Boykott der von den in Palästina lebenden Juden produzierten Waren. Auf dem Höhepunkt 1951 hätten über 8.500 Unternehmen „unter der Fuchtel des Boykottkomitees“ gestanden. Nach den Kriegen von 1967 und 1973 verlor die Bewegung an Schwung — bis sie 2005 in neuer Form wieder auftauchte, gegründet von Omar Barghouti.
Tishby personalisiert die Bewegung in ihrem Gründer. Barghouti, ein in Katar geborener Palästinenser, habe BDS 2005 gegründet — „während er gerade dabei war, an der Universität Tel Aviv zu promovieren“. Diese Ironie hebt sie eigens hervor: Barghouti wurde zum Befürworter des akademischen Boykotts gegen Israel, „während er an einer israelischen Universität promovierte“. Barghouti ist auch ihr Kronzeuge gegen die Behauptung, BDS strebe ein gleichberechtigtes Zusammenleben an:
Ich bin völlig und kategorisch gegen den Bi-Nationalismus, weil er davon ausgeht, dass es zwei Nationen mit gleichen moralischen Ansprüchen auf das Land gibt.
Omar Barghouti, zit. Kap. X, S. 253Mit diesen beiden Barghouti-Zitaten — gegen einen jüdischen Staat „in irgendeinem Teil Palästinas“ (S. 245) und gegen die Idee zweier gleichberechtigter Nationen (S. 253) — meint Tishby ihre These belegt zu haben: BDS lehne nicht nur eine bestimmte Politik ab, sondern die israelische Staatlichkeit als solche.
4Der 3-D-Test nach Scharanski
Um die Leitfrage „antisemitisch oder ‚nur‘ antiisraelisch?“ zu beantworten, greift Tishby auf ein bekanntes Instrument zurück: den 3-D-Test des Menschenrechtsaktivisten Nathan Scharanski, der neun Jahre in einem sowjetischen Gefängnis verbrachte. Scharanski wollte einen Standard etablieren, um „legitime Kritik an der israelischen Politik von Antisemitismus zu unterscheiden“; die Kriterien seien 2010 vom US-Außenministerium übernommen worden. Der Test besteht aus drei „Ds“: Delegitimieren, Dämonisieren, Doppelstandards. Bei BDS sieht Tishby „einen dreifachen Volltreffer“.
Delegitimieren. BDS leugne das Existenzrecht Israels „rundheraus“: Die Bewegung lehne nicht nur die rechtliche Grundlage der Staatsgründung ab, sondern bestreite auch, dass Israel das historische Heimatland des jüdischen Volkes sei. Auf Nachfrage erkläre die Führungsriege, Israel dürfe „in seiner jetzigen Form nicht existieren“. Beleg ist erneut Barghouti (S. 253).
Dämonisieren. BDS überziehe Israel mit den Etiketten „brutal“, „mörderisch“ und der „vorsätzlichen ethnischen Säuberung“, wodurch das Land als „kriegstreibendes Monster“ inszeniert werde. Tishby hält das für ironisch, weil die arabische Welt selbst versucht habe, Israel zu vernichten, und Israel sich gegen eine an der Scharia orientierte Terrororganisation verteidigen müsse.
Doppelstandards. Hier sieht Tishby die offensichtlichste Schwachstelle. In der gesamten BDS-Literatur fehle „kein einziges Wort“ über Hamas, Scharia, Selbstmordattentate oder Angriffstunnel. Vor allem aber wähle BDS „nur Israel als Zielscheibe“, obwohl das Land von einigen der „bösartigsten, theokratischsten, autokratischsten“ Regime umgeben sei. Die Führung kümmere sich „überhaupt nicht“ um die Menschenrechte der Palästinenser anderswo — etwa in den überfüllten Flüchtlingslagern im Libanon. BDS trage „buchstäblich den Dolch im Gewande versteckt“.
5SodaStream und die Spur des Geldes
Im Abschnitt „Der Preis ist unangemessen“ verschiebt Tishby die Perspektive vom Ideologischen zum Praktischen. Ihr Argument: Die eigentlichen Leidtragenden des Boykotts seien nicht die Israelis, sondern die Palästinenser. Ihr Paradebeispiel ist das Unternehmen SodaStream, das seit 2007 im Westjordanland tätig war. CEO Daniel Birnbaum, „ein begeisterter Friedensaktivist“, betrieb in Mishor Adumim eine Fabrik mit 1.100 Arbeitern — 850 Palästinensern und 250 Juden. BDS aktivierte seine „manische Basis“ gegen diese Zusammenarbeit. Der palästinensische Arbeiter Nabil Bashrat widersprach öffentlich:
Die BDS-Bewegung fügt den palästinensischen Arbeitern den größten Schaden zu. … Wir arbeiten hier gleichberechtigt zusammen: Araber und Juden, Israelis und Palästinenser. Mein Gehalt ist dreimal so hoch wie das, das ich vorher hatte … BDS hat kein Interesse am Wohlergehen der palästinensischen Arbeitnehmer.
Nabil Bashrat, zit. Kap. X, S. 2582015 wurde die Fabrik geschlossen und in die Negev-Wüste verlegt, wodurch im Westjordanland Hunderte gut bezahlter Arbeitsplätze für Palästinenser wegfielen. „Gute Arbeit, BDS!“, kommentiert Tishby säuerlich. Eine RAND-Studie von 2015 habe geschätzt, dass das Wachstum dieses „angeblich gewaltfreien Widerstandes“ die palästinensische Wirtschaft jährlich etwa zwei Milliarden Dollar koste, während das israelische BIP stetig gestiegen sei — die Schlussfolgerung: BDS schade nicht Israel, sondern den Menschen, die es zu retten vorgebe.
Der Abschnitt „Folge der Spur des Geldes“ ist Tishbys investigativer Teil. Sie zeichnet die Campus-Operation von BDS als „ausgeklügelte, gut finanzierte politische Operation“ — organisiert unter anderem von der Chicagoer Gruppe American Muslims for Palestine (AMP), die über Students for Justice in Palestine (SJP) Strategen und Rechtsberater an die Colleges schicke. Sie beruft sich auf Dr. Jonathan Schanzer, einen ehemaligen Terrorismus-Analysten des US-Finanzministeriums, der vor dem Kongress unter Eid aussagte:
Es gibt eine personelle Überschneidung zwischen ehemaligen Mitarbeitern von Unterstützungsorganisationen der Hamas und wichtigen Personen [in der BDS-Bewegung] … Das spricht Bände im Hinblick auf die wahre Agenda der zentralen Organisatoren der BDS-Kampagne.
Jonathan Schanzer, zit. Kap. X, S. 261Wichtig ist Tishbys Selbstbeschränkung an dieser Stelle: Sie behaupte „nicht — ich wiederhole, ich behaupte nicht —, dass BDS und Hamas direkt verbunden sind“. Was sie sage, sei, dass die „äußerst verdächtige, sich überschneidende Beziehung“ gründlich untersucht werden müsse. Diese vorsichtige Formulierung ist juristisch motiviert: Tishby erwähnt, dass BDS über den juristischen Arm Palestine Legal häufig mit Verleumdungsklagen drohe.
Der gefährlichste Erfolg von BDS sei die Verankerung im Mainstream der amerikanischen Linken — über Intersektionalität als Taktik: BDS vereinnahme „legitime soziale Missstände“, um Legitimität zu gewinnen, und docke an Black Lives Matter und den Women’s March an. Pro-Israel-Liberale würden als „PEP“ gebrandmarkt — „Progressive Except for Palestine“. Tishby kontert mit der historischen Verbundenheit von Juden und Bürgerrechtsbewegung: Rabbi Abraham Joshua Heschel ging beim Marsch von Selma 1965 „buchstäblich in der ersten Reihe“ — Hand in Hand mit Martin Luther King. BDS, so ihr Schlussbild, segle „unter falscher Flagge“.
Den unterhaltsamsten Teil bildet Tishbys Abrechnung mit Roger Waters, ihrem „besonderen Liebling“. Der ehemalige Pink-Floyd-Bassist schicke jedes Mal, wenn ein Musiker eine Israel-Tournee ankündige, „sofort einen selbstgerechten offenen Brief“, dem „massive Troll-Attacken“ folgten. Glücklicherweise habe er nur „mäßigen Erfolg“: Radiohead, Paul McCartney und Jennifer Lopez hätten ihn ignoriert. Den Gipfel bildet eine persönliche Anekdote: Als die Rolling Stones 2015 ein Konzert in Tel Aviv ankündigten, habe Tishby zum Telefon gegriffen und „meinen Freund Mick“ angerufen.
Also griff ich zum Telefon und rief meinen Freund Mick an. … dass die Geschichte damit endete, dass die Stones in jenem Sommer nach Tel Aviv reisten und ihr Konzert spielten. Und es war einfach sensationell.
Kap. X, S. 268Schließlich schlägt Tishby drei konstruktive Alternativen zur „absurden und sinnlosen Taktik“ von BDS vor, die das moralische Vorzeichen der Debatte wenden sollen:
6Einordnung & Kritik
Kapitel X ist Tishbys kämpferischstes — und das, in dem die Grenze zwischen Analyse und Aktivismus am durchlässigsten wird. Eine faire Würdigung muss Stärken wie Schwächen benennen.
Die Stärke: O-Töne der Führung. Tishby ist am überzeugendsten, wo sie konkrete Aussagen der BDS-Führung zitiert. Wenn Gründer Omar Barghouti erklärt, „definitiv gegen einen jüdischen Staat in irgendeinem Teil Palästinas“ und „kategorisch gegen den Bi-Nationalismus“ zu sein, dann lässt sich die Behauptung, BDS strebe nur eine Korrektur israelischer Politik an, kaum mehr halten. Auch der Hinweis auf die historische Tiefe des Boykotts (Arabische Liga 1945, vor der Staatsgründung) und die Ironie von Barghoutis Promotion an der Universität Tel Aviv sind belastbare Punkte.
Schwäche I: der 3-D-Test als umstrittenes Instrument. Tishby präsentiert Scharanskis Test als gesetztes, gleichsam amtliches Maß. Tatsächlich ist er in der Antisemitismusforschung selbst kontrovers. Kritiker wenden ein, dass die Kategorien — besonders „Doppelstandards“ — unscharf sind und sich gegen nahezu jede fokussierte Israelkritik in Stellung bringen lassen: Wer sich gerade für Palästinenser engagiert und nicht zugleich alle anderen Konflikte der Welt anprangert, gerät schnell unter Verdacht. Tishby nutzt das Instrument, ohne diese Debatte zu erwähnen.
Schwäche II: unterstellte verdeckte Absichten. Tishbys Grundfigur ist die Entlarvung — hinter „Gerechtigkeit“ und „Frieden“ verberge sich stets eine finstere Agenda. Dieses Muster ist rhetorisch mächtig, aber methodisch heikel, denn es macht die Bewegung unwiderlegbar: Jede gemäßigte Äußerung kann als Tarnung gedeutet werden. BDS-Anhänger selbst verstehen sich als gewaltfreie Menschenrechtskampagne in der Tradition der Anti-Apartheid-Bewegung gegen Südafrika; sie berufen sich auf völkerrechtswidrige Siedlungen und auf das Selbstbestimmungsrecht. Diese Selbstdeutung kommt bei Tishby fast nur als zu durchschauende Fassade vor. Die Bewegung ist in sich heterogen — von Aktivisten, die das Existenzrecht Israels bejahen, bis zu solchen, die es ablehnen. Tishby liest die radikalste Position (Barghouti) als die wahre Stimme der gesamten Bewegung.
Schwäche III: Kritik und Antisemitismus. Am heikelsten ist Tishbys Neigung, grundsätzliche BDS-Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen. Diese Gleichsetzung ist in der Forschung kontrovers: Die einen sehen im Antizionismus einen modernen Antisemitismus, die anderen bestehen darauf, dass Kritik an der Politik eines Staates — auch scharfe, auch in Form eines Boykotts — grundsätzlich legitim ist. Tishby räumt diese Unterscheidung mit Scharanski theoretisch ein, in der Praxis ihres Kapitels verschwimmt sie jedoch: Der Boykott selbst, nicht erst seine begleitende Rhetorik, gerät unter Antisemitismusverdacht.
Tishby als Aktivistin. Schließlich macht das Kapitel keinen Hehl daraus, dass die Autorin Partei ist. Sie telefoniert mit Mick Jagger, sie schreibt offen, dass die Bewegung „aus jeder liberalen Gesellschaft verdrängt werden muss“. Das ist ehrlich — Tishby gibt sich nie als neutrale Beobachterin aus —, aber es färbt die Auswahl der Belege: Palästinensische Stimmen kommen fast nur dann vor, wenn sie BDS kritisieren (Bashrat); kritische Stimmen zu Israel innerhalb von BDS bleiben außen vor.