Israel · Noa Tishby
Kapitel VI · S. 119–153

Geburt eines Staates

Von der Flucht der siebzehnjährigen Großmutter aus Prag über die UN-Abstimmung vom 29. November 1947 und Ben-Gurions Staatsausrufung bis zur scharfen Abrechnung mit dem UN-Hilfswerk UNRWA und dem palästinensischen Flüchtlingsproblem — das dramatische Zentrum des Buches.

Das sechste Kapitel ist das dramatische Zentrum des Buches. Tishby verknüpft hier ihre eigene Familiengeschichte mit der großen Geschichte: Während sie die Flucht ihrer Großmutter Hilda aus dem besetzten Prag erzählt, entfaltet sich im Hintergrund der Holocaust, der Zusammenbruch des britischen Mandats, die UN-Abstimmung vom 29. November 1947, die Staatsausrufung durch David Ben-Gurion und der Unabhängigkeitskrieg von 1948. Den zweiten, deutlich polemischeren Teil widmet Tishby dem palästinensischen Flüchtlingsproblem und dem UN-Hilfswerk UNRWA, dem sie vorwirft, das Problem über Generationen hinweg künstlich am Leben zu erhalten. Es ist das Kapitel, in dem Tishbys Doppelnatur am deutlichsten wird: einfühlsame Memoirenschreiberin und scharf zugespitzte Aktivistin in einer Person.

1Großmutter Hilda und das Visum

Tishby steigt nicht mit einem Datum ein, sondern mit einem Familiengeheimnis. Mitte der 1930er-Jahre lebt die wohlhabende, gebildete Familie Schorr im böhmischen Teplitz. Als die Gefahr nach 1933 näherrückt, zieht der Urgroßvater Paul, ein Textilfabrikant, mit der Familie nach Prag — in der Hoffnung, „Hitler würde es nie so weit schaffen“. Er irrt. 1939 marschieren die Deutschen ein.

Wie die Familie das rettende Visum nach Palästina bekam, ist bis heute ungeklärt. Tishbys Großonkel Beno deutet eine bedrückende Möglichkeit an: ein deutscher Offizier sei von der Schönheit der jungen Hilda „überwältigt“ gewesen, der Vater habe sie zu ihm gebracht, und am selben Tag seien sie mit der Bescheinigung zurückgekehrt. Hilda war damals siebzehn. Tishby lässt die Szene bewusst in der Schwebe — niemand lebt mehr, der die Wahrheit erzählen könnte.

Ich weiß nur, dass einer der deutschen Offiziere von der Schönheit deiner Großmutter überwältigt war. Vater nahm sie mit, um den Offizier zu besuchen, und später am selben Tag kamen sie mit der Bescheinigung zurück.

Kap. VI, S. 119 (Großonkel Beno)

Bei ihrer Ankunft 1939 gesellt sich die Familie zu den rund 449.000 Juden und 861.000 Arabern, die bereits im britischen Mandatsgebiet leben. Tishby hält diese Zahlen fest, weil sie für ihre spätere Argumentation zentral sind: Das Land war damals mehrheitlich arabisch besiedelt. Die Familie zählt zu „den Glücklichen“ — alle übrigen Verwandten werden von den Nazis ermordet.

KernideeTishby erdet die abstrakte Staatsgeschichte in einer einzigen Familienbiografie. Die Gründung Israels erscheint dadurch nicht als ideologisches Projekt, sondern als Fluchtpunkt von Menschen, die nirgendwo sonst hinkonnten.

2Holocaust, Displaced Persons und die „Exodus“

Bemerkenswert ist, wie Tishby den Holocaust behandelt: in wenigen Sätzen. Das ist eine bewusste erzählerische Entscheidung, die sie offen begründet — das Buch handle nicht vom Holocaust, und ihre Leser wüssten darüber „wahrscheinlich schon genug“. Sie schließt die Lücke ihrer Chronologie mit den nüchternen Eckdaten.

In diesem Buch geht es nicht um den Holocaust, und ich denke, über ihn wissen Sie wahrscheinlich schon genug … Aber damit in der Chronologie meines Buches keine Lücke entsteht: Zwischen 1941 und 1945 ermordeten die Nazis systematisch fast sechs Millionen Juden.

Kap. VI, S. 120

Tishby weist auf eine oft übersehene Tatsache hin: Auch nach dem Krieg waren heimkehrende Juden in Ländern wie Polen weiterhin Pogromen ausgesetzt. Die Botschaft ist klar — die Notwendigkeit eines sicheren Zufluchtsorts endete nicht 1945, sondern war danach in mancher Hinsicht noch dringlicher.

Am Kriegsende leben 210.000 bis 250.000 jüdische Flüchtlinge in Lagern über Europa verteilt — entwurzelt, ohne Papiere, ohne Besitz. Viele wollen nach Palästina, doch die Briten beschränken die Einwanderung scharf und schicken Flüchtlinge zurück nach Europa, darunter die Passagiere des berühmten Schiffes Exodus. Tishby nutzt das Symbol knapp: Es steht für die Verzweiflung der Überlebenden und für die wachsende Wut des jüdischen Jischuv gegen die britische Mandatsmacht. Den britischen Rückzug ordnet sie in den allgemeinen Zerfall des Empire ein — vor allem das Ende der Herrschaft über Indien ab dem 15. August 1947: Ohne Indien brauchten die Briten Palästina als Durchgangsregion nicht mehr.

Tishbys Kürze beim Holocaust ist Methode, nicht Gleichgültigkeit. Sie setzt die Vernichtung als bekannt voraus und konzentriert ihre Erzählenergie auf das, was danach kam — den Kampf um einen Staat.

3Der UN-Teilungsplan vom 29. November 1947

Den Vereinten Nationen, so Tishby, blieb nach dem britischen Rückzug nichts anderes übrig, als eine Lösung zu suchen. Der UN-Teilungsplan sah einen jüdischen Staat auf etwa 55 Prozent und einen arabischen Staat auf etwa 45 Prozent des Landes vor — wobei das den Arabern zugesprochene Gebiet kleiner, aber von besserer Qualität und mit besserem Wasserzugang war. „Es war kein perfekter Plan, aber es war ein Plan! Für einen Staat!“

Tishby inszeniert die Abstimmung als Familienszene: Ihr Vater, damals sieben, sitzt in Jerusalem am Transistorradio; ihre Safta Fania versammelt sich im Speisesaal des Kibbuz Degania um das einzige Radio; ihre sechsjährige Mutter klettert auf ihren Lieblingsbaum. Das ganze Land hält den Atem an. Mit 33 Ja-Stimmen, 13 Nein-Stimmen und 10 Enthaltungen wird die Resolution 181 angenommen.

UN-Generalversammlung · 29. November 1947 · Resolution 181 Dafür 33 Dagegen 13 Enthaltung 10 Die Juden nahmen den Plan an; die Arabische Liga lehnte ihn ab und kündigte Krieg an.
Die Resolution 181 wurde mit klarer Mehrheit angenommen — fünfzig Jahre, nachdem Herzl 1897 in Basel notiert hatte, er habe „den Judenstaat gegründet“.

Doch während die Juden dem UN-Plan zustimmten, lehnte die gesamte arabische Welt ihn ab … Sie kündigten nicht nur an, dass sie den Plan nicht akzeptieren würden, sondern dass sie im Falle der Gründung Israels in den Krieg ziehen würden, um den neuen jüdischen Staat von der Landkarte zu tilgen.

Kap. VI, S. 123

4Ben-Gurion, Staat und Krieg

Tishby porträtiert David Ben-Gurion mit sichtbarer Bewunderung: ein „1,52 Meter großer Riese von einem Mann“, Schriftsteller, Landwirt, Journalist, Revolutionär, genialer Politiker und Militärstratege. Sie schildert ihn als denjenigen, der Herzls Vision zum Leben erweckte — und als Architekten dreier Entscheidungen: Wie verteidigt sich der Staat, wie soll er heißen, was sollen seine Gründungsprinzipien sein? Der Name „Israel“ setzte sich durch, weil er inklusiv war. Am Freitag, dem 14. Mai 1948, verlas Ben-Gurion auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv — hinter sich ein Bild Herzls — die Unabhängigkeitserklärung.

Wir wenden uns — selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind — an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufruf, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung … an seinem Aufbau zu beteiligen.

Unabhängigkeitserklärung, zit. Kap. VI, S. 128 f.

Tishby hebt hervor, dass die Erklärung Gleichberechtigung unabhängig von Religion, Rasse und Geschlecht zusicherte und einen direkten Friedensaufruf an die Nachbarn enthielt. Elf Minuten nach der Gründung erkannte US-Präsident Truman Israel an; drei Tage später folgte die Sowjetunion.

Wie angekündigt, brach am nächsten Tag Krieg aus. Tishby gliedert ihn in zwei Phasen: einen bürgerkriegsartigen Abschnitt ab November 1947 und den Angriff der arabischen Nachbarstaaten ab dem 15. Mai 1948. Sie gesteht offen ein, dass der Krieg „blutig und brutal“ war und dass auch Juden Gräueltaten begingen — sie nennt namentlich das Massaker im arabischen Dorf Deir Yassin am 9. April 1948, bei dem Lehi- und Etzel-Milizen zwischen 81 und 120 Einwohner töteten; die Führung des Jischuv habe die Tat umgehend als „barbarisch“ verurteilt. Den entscheidenden Unterschied sieht Tishby in der Motivation: Die arabischen Staaten kämpften gegen ein „lästiges, aber eigentlich geringfügiges Ärgernis“, während die Juden ums Überleben und um die Verhinderung eines zweiten Holocaust kämpften.

Was geschah, war ein Kampf zwischen zwei Völkern, die beide das Recht auf dasselbe Land beanspruchten.

Benny Morris, zit. Kap. VI, S. 140

Am Ende kontrollierte Israel mehr Gebiet als im Teilungsplan vorgesehen, einschließlich West-Jerusalems, Galiläas und des größeren Teils der Negev-Wüste. Ägypten nahm den Gazastreifen, Jordanien das Westjordanland — ein arabisch-palästinensischer Staat entstand nie. Tishby betont, das sei „auf Wunsch der Araber, nicht der Juden“ geschehen.

5Nakba, Flüchtlinge und UNRWA

Hier wird das Kapitel zur Streitschrift. Tishby anerkennt, dass im Krieg zwischen 700.000 und 750.000 arabische Bewohner dauerhaft ihre Heimat verloren — teils, weil arabische Führer sie zum Verlassen aufforderten, teils auf der Flucht, teils durch Vertreibung. Sie streitet weder Vertreibungen noch Gräueltaten ab. Zugleich wendet sie sich scharf gegen den Begriff Nakba („Katastrophe“) als Propaganda-Vokabel: Der syrische Intellektuelle Constantin Zureiq habe ihn 1948 zuerst für eine selbstverschuldete arabische Demütigung verwendet; erst Jassir Arafat habe 1998 den 15. Mai zum „Nakba-Tag“ erklärt und den Begriff umgedeutet.

Hätte es keinen Krieg gegen Israel gegeben, der Blutvergießen, Elend, Panik und Flucht zur Folge hatte, gäbe es heute kein arabisches Flüchtlingsproblem.

Abba Eban (1958), zit. Kap. VI, S. 145

Tishby weist darauf hin, dass nach dem Krieg auch rund 850.000 Juden aus arabischen Ländern vertrieben wurden — eine oft übergangene Parallele, die sie als rhetorisches Gegengewicht einsetzt. Und sie betont, dass etwa 150.000 Araber blieben und israelische Staatsbürger wurden — ein Umstand, der den Vorwurf einer systematischen ethnischen Säuberung in ihren Augen widerlegt.

BezugspunktZahlBeleg
Juden im Mandatsgebiet (1939)ca. 449.000S. 120
Araber im Mandatsgebiet (1939)ca. 861.000S. 120
Jüdische DPs in Europa (1945)210.000–250.000S. 120
Im Holocaust ermordete Judenfast 6 Mio.S. 120
Vertriebene arabische Bewohner (1948)700.000–750.000S. 141
Araber, die blieben (Staatsbürger)ca. 150.000S. 141
Aus arabischen Ländern vertriebene Judenca. 850.000S. 142
Heute beim UNRWA registriert5,6 Mio.S. 147

Der größte und zornigste Abschnitt gilt dem UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge (UNRWA), 1949 durch Resolution 302 (IV) gegründet. Es war als befristete Lösung mit jährlicher Neubewertung gedacht — und ist siebzig Jahre später eine Organisation mit rund 1,2 Milliarden Dollar Jahresbudget und 30.000 Mitarbeitenden. Tishbys Kernkritik betrifft die Definition: Während das UNHCR weltweit darauf hinarbeitet, die Zahl der Flüchtlinge zu senken, zählt das UNRWA automatisch auch Nachkommen in dritter und vierter Generation als Flüchtlinge — selbst wenn sie eine Staatsbürgerschaft besitzen. Ihr provokantestes Beispiel: der Immobilienmogul Mohammad Hadid (Vater der Models Gigi und Bella Hadid), 1948 geboren, längst US-Millionär, theoretisch immer noch als „Flüchtling“ registriert.

UNRWA: der vererbbare Flüchtlingsstatus 1. Generation 1948 · ~700.000 2. Generation geerbter Status 3. Generation geerbter Status 4. Generation heute Aus 700.000 werden 5,6 Millionen registrierte „Flüchtlinge“. UNHCR (alle übrigen Flüchtlinge): prüft jeden Fall, Status wird i. d. R. nicht vererbt; Ziel ist die Senkung der Zahlen durch Integration und Wiederansiedlung. UNRWA (nur Palästinenser): Status wird vererbt, niemand wird gestrichen, die Zahl steigt über die Generationen — so Tishbys Vorwurf.
Den Definitionsunterschied UNRWA/UNHCR macht Tishby zum Kern ihrer Anklage: ein „Klub, in den jede neue Generation von Palästinensern einfach hineingeboren wird“.

Um ihre These zu untermauern, ruft Tishby historische Zeugen auf. Schon 1952 telegrafierte der US-Diplomat David Fritzlan, das UNRWA erreiche nichts Substantielles bei der Umsiedlung, und die arabischen Staaten vereitelten die Integration bewusst. 1958 — als USA und Großbritannien auf die Auflösung hinarbeiteten — habe der saudische Botschafter Abdullah al-Khayyal, von Tishby süffisant mit Don Corleone verglichen, „ein Angebot gemacht, das nicht abgelehnt werden konnte“: Die Abschaffung würde „ein schlechtes Echo“ hervorrufen.

Der Zweck dieser Politik besteht einfach darin, das Palästina-Problem am Leben zu erhalten, in der Hoffnung, so den Untergang Israels herbeiführen zu können.

David Fritzlan (1952), zit. Kap. VI, S. 149

Tishbys Schlussfolgerung ist drastisch: Die internationale Gemeinschaft zahle der arabischen Welt „Schutzgeld“, das sich heute auf 1,2 Milliarden Dollar pro Jahr belaufe. Geschickt lässt sie auch einen Betroffenen zu Wort kommen, der die Drohrhetorik kritisiert — den Flüchtling Mohammad Abu Srour aus dem Lager Aida.

Man darf seine Ziele nicht dadurch durchzusetzen versuchen, dass man den Menschen droht und ihnen sagt, dass andere Menschen zu Terroristen werden. Das ist eine billige Masche.

Mohammad Abu Srour (Lager Aida), zit. Kap. VI, S. 151
UN-Teilungsplan (1947)
Resolution 181: jüdischer (~55 %) und arabischer (~45 %) Staat. Angenommen 33:13:10. Von den Juden akzeptiert, von der Arabischen Liga abgelehnt.
UNRWA
UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge, 1949 gegründet. Tishbys Hauptangriffsziel wegen des vererbbaren Flüchtlingsstatus.
Nakba
Arabisch „Katastrophe“. Tishby liest den Begriff als nachträglich (Arafat 1998) umgedeutete Propaganda-Vokabel.
„Recht auf Rückkehr“
Forderung, dass Flüchtlinge und Nachkommen in das heutige Israel zurückkehren dürfen. Tishby sieht darin ein konfliktverstetigendes Konzept.
Jischuv
Die jüdische Bevölkerung in Palästina vor 1948 — mit eigenen Institutionen (Jewish Agency) und Milizen (Hagana, Etzel, Lehi).
„Exodus“
Schiff der illegalen Einwanderung 1947; seine Flüchtlinge schickten die Briten nach Europa zurück — Symbol jüdischen Widerstands.

Tishbys zentrale These steht am Ende: Eine Lösung des Flüchtlingsproblems würde bedeuten, den Krieg gegen Israel zu beenden — und genau das werde verweigert. Solange das „Flüchtlingsproblem“ und das „Rückkehrrecht“ bestehen, könnten die Palästinenser glauben, der Krieg sei noch nicht vorbei und noch zu gewinnen.

Für Tishby ist das Flüchtlingsproblem kein ungelöstes humanitäres, sondern ein bewusst gepflegtes politisches Instrument — das „beste Mittel, den Krieg mit Israel am Leben zu erhalten“.

6Einordnung & Kritik

Kapitel VI zeigt Tishby auf der Höhe ihres erzählerischen Könnens — und zugleich an der Grenze ihrer Methode. Der erste Teil (Familienflucht, Teilungsplan, Staatsgründung, Krieg) ist historisch solide und in vielem ehrlicher, als Kritiker dem Buch zutrauen: Tishby benennt Deir Yassin, zitiert Benny Morris mit dem Satz vom „Kampf zwischen zwei Völkern“, räumt Vertreibungen und Gräueltaten auf der eigenen Seite ein. Die Grundaussage „Die Araber lehnten den Teilungsplan ab und begannen den Krieg“ ist faktisch korrekt.

Verkürzt ist allerdings die Kausalkette. Indem Tishby den Krieg von 1948 fast ausschließlich als arabischen Angriffskrieg erzählt, tritt in den Hintergrund, dass Flucht und Vertreibung ein wechselseitiger, von Massakern auf beiden Seiten begleiteter Prozess waren — und dass das Flüchtlingsproblem unmittelbare, nicht nur instrumentalisierte Kriegsfolge ist. Die Forschung (auch der von ihr zitierte Morris) zeichnet ein komplexeres Bild, in dem israelische Verbände durchaus aktiv Vertreibungen betrieben. Tishbys „Ja, aber das war kein systematisches Programm“ ist eine vertretbare, aber keineswegs unumstrittene Wertung.

Am angreifbarsten ist der UNRWA-Teil. Tishbys Kritik trifft reale, ernstzunehmende Debatten: Der vererbbare Flüchtlingsstatus unterscheidet das UNRWA tatsächlich vom UNHCR, und problematische Lehrmaterialien sind dokumentiert. Doch die Darstellung ist einseitig zugespitzt. Sie blendet aus, dass das UNRWA Millionen Menschen mit Nahrung, Schulbildung und Gesundheitsversorgung am Leben hält — ein Faktum, das Tishby in einem Halbsatz einräumt und sofort als „eigentlich Regierungsaufgabe“ relativiert. Auch die These, das Hilfswerk halte das Problem „absichtlich“ am Leben, unterstellt eine Intention, die sich aus institutioneller Trägheit, fehlenden politischen Lösungen und der Weigerung der Aufnahmestaaten allein nicht beweisen lässt.

Rhetorisch arbeitet Tishby mit starken Mitteln: dem Mafia-Vergleich, dem Glamour-Beispiel der Hadid-Schwestern, dem Wort „Schutzgeld“. Das macht den Text einprägsam, verschiebt aber die Analyse ins Polemische. Entscheidend bleibt der Selbstausweis der Autorin: Tishby ist erklärte Aktivistin, keine neutrale Historikerin. Sie sagt das offen, und das Kapitel liest sich am besten in diesem Bewusstsein — als engagiertes, faktengesättigtes Plädoyer einer Partei, das reale Schwachstellen der Gegenseite trifft, ohne die eigenen Leerstellen zu schließen.

FazitEin doppelbödiges Kapitel. Historisch fundiert, wo es die Staatsgründung erzählt; polemisch zugespitzt, wo es das UNRWA verhandelt. Tishby trifft echte Debatten — aber sie führt sie als Anwältin, nicht als Richterin.