Was soll diese Besessenheit?
Tishbys große Schlussfrage an die Welt: Warum ruft ausgerechnet Israel so viele, oft völlig irrationale Emotionen hervor — und was haben die Vereinten Nationen mit dieser Asymmetrie der Empörung zu tun?
Das dreizehnte Kapitel ist Noa Tishbys Generalabrechnung und zugleich ihre offenste Selbstbefragung. Nachdem sie zwölf Kapitel lang Geschichte, Politik und Alltag Israels erzählt hat, dreht sie den Blick um und fragt: Wenn das Land „im Großen und Ganzen gar nicht so schlecht“ dasteht — warum dann diese weltweite Wucht der Ablehnung? Sie nennt es eine „Besessenheit“ und sucht die Erklärung weniger im Verhalten Israels als in den Strukturen der internationalen Politik, in der Geschichte des Zionismus und schließlich in einer unbequemen Diagnose: dem Antisemitismus.
Der Stand der Dinge — und das Millennial-Problem
Tishby eröffnet das Kapitel persönlich, aus „der Behaglichkeit meiner Wohnung in West Hollywood“, und wendet sich direkt an die Lesenden: Wer es bis hierher durchgehalten habe, frage sich vielleicht „Wie konnte ich das alles … nicht wissen?“ (S. 322). Doch bevor sie antwortet, will sie „zuerst die Zahlen anschauen“. Als „Marke“ stehe Israel innerhalb der Weltbevölkerung „nur knapp unterhalb des oberen Drittels“: Im Best Countries Report — einem Wahrnehmungs-Ranking von U.S. News & World Report, der BAV Group und der Wharton School — lag Israel unter achtzig Ländern 2018 auf Platz 30, 2019 auf Platz 29; in US-internen Umfragen sogar auf Platz 16 (S. 322). „Im Großen und Ganzen steht Israel also gar nicht so schlecht da.“ Bei genauerem Hinsehen aber treten zwei Probleme hervor.
Das erste betrifft die Millennials. Sie stufen Israel weltweit auf Platz 46 der Gesamtwertung ein — bei „Macht und Einfluss“ immerhin auf Platz 9, vor allem aber halten sie es für „das zweitreligiöseste Land der Welt“, einsortiert „zwischen Saudi-Arabien und dem Iran“ (S. 323).
„Dieses Ausmaß an Fehlinformationen ist schockierend, wenn man bedenkt, dass Israel das einzige Land im Nahen Osten ist, in dem man jede beliebige Religion frei ausüben und sich mit seinem gleichgeschlechtlichen Partner am Strand vergnügen kann!“
Kap. XIII, S. 323Das zweite Problem ist sozialmedialer Natur. Wer „im Internet etwas auch nur annähernd Positives über Israel postet“, werde „mit Millionen von ‚Free Palestine‘-Kommentaren und wahnsinnig bösartigen Verleumdungen attackiert und regelrecht aus den sozialen Medien hinausgetrollt“ (S. 323). Folge: In ihrer Wahlheimat Hollywood äußerten viele privat Sympathie, scheuten aber die öffentliche Stellungnahme. Israel sei „ein heikles Thema“, ein Tabu.
Die Leitfrage: Warum ausgerechnet Israel?
Hier formuliert Tishby das Thema in einer einzigen, scharfen Frage: „Warum ruft Israel so viele zum Teil völlig irrationale Emotionen hervor?“ (S. 323). Bemerkenswert ehrlich gibt sie zunächst die Antwort wieder, die sie als „jemand, die auf der linksliberalen Seite des politischen Spektrums aufgewachsen ist“, selbst lange für naheliegend hielt — und räumt dabei einen wunden Punkt ein:
„… lautet meine unmittelbare Antwort einfach: Sie mögen uns nicht, weil wir uns ihrer Meinung nach schlecht verhalten. Das ist es, was ich von vielen meiner Freunde in Israel und Amerika höre. Und die Wahrheit ist — sie haben recht! Wir verhalten uns manchmal wirklich schlecht!“
Kap. XIII, S. 323Dieses Zugeständnis ist rhetorisch entscheidend: Tishby präsentiert sich nicht als bedingungslose Verteidigerin, sondern als selbstkritische „linke Israelin“, die israelisches Fehlverhalten ausdrücklich anerkennt. Erst von dieser Position aus stellt sie die Anschlussfrage, die das ganze Kapitel trägt: Auch andere Länder verhielten sich schlecht — warum dann diese „Leidenschaft“ gerade gegenüber Israel? Warum richteten sich Boykotte, Verurteilungen, Resolutionen, Schlagzeilen, Demonstrationen und „Twitterstürme“ nicht in gleichem Maße gegen China, Nordkorea, Syrien, Iran, Venezuela, Jemen, die Türkei, Russland, Saudi-Arabien oder Myanmar (S. 323 f.)? Ironischerweise, so leitet sie über, könnte die Antwort mit jener Organisation zu tun haben, die bei Israels Gründung „eine zentrale Rolle spielte: den Vereinten Nationen“ (S. 324).
Nicht schon wieder, UNO — die Resolutions-Zahlen
Tishbys Verhältnis zur UNO ist ambivalent und sie macht es persönlich: „Ich liebe das, wofür die Vereinten Nationen stehen.“ Ihr Großvater Hanan war Mitglied der israelischen UN-Delegation, sie selbst sprach 2016 und 2018 vor der Generalversammlung (S. 324). Sie erinnert daran, dass „eine der ersten großen Errungenschaften der jungen Vereinten Nationen der Teilungsplan“ war: 33 Nationen dafür, 13 dagegen, 10 Enthaltungen (S. 325). 1948 hatte die UNO 58 Mitglieder; heute seien es 193, „von denen 53 Prozent keine Demokratien sind, und darin liegt zumindest eines der Probleme“ (S. 325). 1957 sei Israel zudem aus seiner geografischen Regionalgruppe ausgeschlossen worden — erst im Jahr 2000 nahm die Westeuropäische Gruppe (WEOG) es auf (S. 327).
Hier liegt der dokumentarische Kern des Kapitels. Tishby führt Zahlen an, die belegen sollen, dass Israel zum „Superschurken der UNO“ und „Lieblingsziel für Resolutionen“ gemacht wurde (S. 327): Von 2015 bis 2019 verabschiedete die Generalversammlung mehr Resolutionen gegen Israel als gegen Iran, Syrien, Nordkorea und Russland zusammen.
„[Israel wurde] 96-mal offiziell verurteilt, Syrien siebenmal, Nordkorea fünfmal und der Iran fünfmal — China nie.“
Kap. XIII, S. 327Die übrigen Befunde verdichtet Tishby gremienweise. Sie flankiert die Zahlen mit Zeugen aus dem UN-System selbst: Generalsekretär Ban Ki-moon räumte am 16. Dezember 2016 ein, „jahrzehntelange politische Manöver“ hätten „zu einer unverhältnismäßig großen Anzahl von Resolutionen, Berichten und Konferenzen geführt, die Israel kritisieren“ (S. 331).
| UN-Gremium / Zeitraum | Befund zu Israel | Beleg |
|---|---|---|
| Generalversammlung 2015–2019 | 96 Verurteilungen (vs. Syrien 7, Nordkorea 5, Iran 5, China 0) | S. 327 |
| Generalversammlung 2019 | 18 Resolutionen vs. 7 gegen alle anderen Länder zusammen | S. 327 |
| Frauenrechtskommission seit 2015 | 4 von 4 Verurteilungen gegen Israel | S. 328 |
| Menschenrechtsrat 2006–2020 | 90 von 217 länderkritischen Resolutionen (41,5 %); eigener Tagesordnungspunkt 7 | S. 329 |
| Dringlichkeitssitzungen | 5 von 10 galten Israel | S. 330 |
Auf die rhetorische Frage „Ist Israel also wirklich der größte, böseste Wolf unter den Nationen?“ antwortet sie: „Auf keinen Fall!“ (S. 330). Sie reiht reale Gräuel anderer Staaten auf — öffentliche Enthauptungen in Saudi-Arabien, versklavte Arbeiter in Dubai, die Lagerhaft von Muslimen in China, getötete Journalisten in der Türkei, hingerichtete LGBTQ+-Menschen im Iran, Chemiewaffen in Syrien, die Rohingya-Massaker in Myanmar (S. 330) — und folgert: „Das einzige Land, das immer wieder herausgegriffen wird, ist … Israel.“ Gerade Länder, die selbst kaum Menschenrechte achteten, kritisierten Israel, um vom eigenen Hinterhof abzulenken: „Dort! Schaut nach Israel!“ (S. 331).
Antizionismus als hippes Anliegen — und der Antisemitismus
Tishby fragt, wie das Wort „Zionismus“ — das schlicht das Recht des jüdischen Volkes auf einen eigenen Staat meine — einen so schlechten Ruf bekommen konnte. Sie verweist auf die UN-Resolution 3379 von 1975, die den Zionismus als „eine Form der Rassendiskriminierung“ bezeichnete — „entsetzlich falsch“ und 1991 zu Recht aufgehoben, doch der Irrglaube „Zionismus sei Rassismus“ habe sich seither nur verstärkt (S. 338). Ihre Unterscheidung ist scharf: Antizionismus habe „nichts mit der Politik einer bestimmten israelischen Regierung zu tun“, sondern lehne „das Existenzrecht Israels als Staat grundsätzlich ab. Punkt.“ (S. 339). Daraus ergebe sich die Schlüsselfrage: „Kann Antizionismus bewusst vom Antisemitismus abgekoppelt werden?“
Für die Antwort rief Tishby Freunde an. Die offenste gab ihr Maajid Nawaz, ein früherer radikaler Islamist, der sich während ägyptischer Haft vom Islamismus abwandte und seither für dessen Reform eintritt:
„Oh, Noa, es ist so einfach. Dass die Leute Israel hassen ist Antisemitismus. … wenn du immer weiter ‚aber warum‘ fragst, wirst du schließlich zum Kern des Problems vordringen, und das ist der Antisemitismus.“
Maajid Nawaz · zit. n. Kap. XIII, S. 340Tishby gesteht, von dieser Klarheit „überwältigt“ gewesen zu sein — auch weil sie „in diesem Buch wirklich nicht in diese Richtung gehen wollte“ (S. 341). Sie belegt die Aktualität mit Zahlen: 2019 stellte die Anti-Defamation League einen Anstieg antisemitischer Vorfälle um 56 % fest — der höchste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1979 (S. 341). Sie nennt Charlottesville, den Anschlag auf die Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh (elf Tote) und, in der deutschen Fußnote, Halle 2019 (S. 342). Juden machten nur 2 % der US-Bevölkerung aus, seien aber Ziel von 50 % der religiös motivierten Hassverbrechen.
„Antisemitismus ist nicht nur ein Vorurteil, er ist eine Verschwörungstheorie … Er behauptet, die Welt würde von einer geheimen Hand kontrolliert, und diese geheime Hand heißt ‚der Jude‘.“
Bari Weiss · zit. n. Kap. XIII, S. 344Tishbys prägnante Schlussfolgerung: „Der Antizionismus ist die politisch korrekte Version des Antisemitismus.“ Zugleich differenziert sie: Manche der schärfsten Israel-Kritiker kämen „aus der jüdischen Gemeinschaft selbst“; das Judentum stehe „immer auf der Seite der Menschenrechte“ und ermutige zu Dissens, weshalb sie selbst für Kritik an unliebsamer Regierungspolitik eintrete (S. 344).
Die Lieblingsargumente — und der erste Stein
Im vorletzten Abschnitt geht Tishby die gängigsten Vorwürfe einzeln durch. Ihr Rahmen: Jedes Land lebe im „Spannungsfeld zwischen Idealismus und Pragmatismus“; leicht sei es, idealistisch zu sein, „wenn man in San Francisco, London, Paris … lebt“ — schwer aber, wenn „keine fünfzig Kilometer vor Ihrer Haustür eine Terrorgruppe dabei ist, einen Scharia-Staat zu errichten“ (S. 345 f.). Sie betont die „existenzielle Verwundbarkeit Israels“.
| Vorwurf | Tishbys Entgegnung | Beleg |
|---|---|---|
| Kolonialismus | Israel sei ein Flüchtlingsstaat, nicht Werkzeug einer europäischen Macht; nur 31 % der Bürger seien europäischer Herkunft. | S. 346 |
| Apartheid | Allen Bürgern gleiche Rechte; Araber (21 %) sitzen im Parlament, dienen in IDF, Justiz und Hochschulen. Über das Westjordanland müsse man diskutieren dürfen. | S. 346 f. |
| Ethnische Säuberung | 1948 habe die UNO beiden Seiten ein Land angeboten; die Juden nahmen an, die Araber lehnten ab. Übergriffe gebe es, aber kein Eliminierungsprogramm. | S. 347 f. |
| Ungleiche Kriegsführung | Übertriebene Gewalt komme „manchmal“ vor; was sei „verhältnismäßig“ bei tausend Raketen? | S. 348 |
| Besatzung | Gebiete im Verteidigungskrieg erobert, im Tausch gegen Frieden zurückgegeben (Sinai, Gaza); Westjordanland „in der Schwebe“. | S. 348 |
Selbstkritisch räumt Tishby ein, dass Israel durch „Unverblümtheit“ selbst zu seinem schlechten Image beitrage — Folge sei „eine unglaublich große Markenbekanntheit, aber ein unglaublich schlechtes Markenimage“ (S. 349). Am Ende gibt sie den Lesenden einen Fragenkatalog mit und endet nicht resignativ, sondern mit der Hoffnung des Abraham-Abkommens auf „neue Chancen“ (S. 351). Ihr Schlusssatz fasst Haltung und Selbstkritik in einem Bild:
„Israel ist kein perfektes Land. Aber wenn Sie ein Land kennen, das nicht gesündigt hat, dann soll es bitte den ersten Stein werfen. Ich kann ein schönes Exemplar vom Ufer des Sees Genezareth mitbringen.“
Kap. XIII, S. 352Einordnung & Kritik
Tishbys These vom strukturellen UNO-Bias trifft einen real dokumentierten Befund. Die Häufung der Resolutionen gegen Israel — in der Generalversammlung, im Menschenrechtsrat (Tagesordnungspunkt 7), in der Frauenrechtskommission — ist durch unabhängige Beobachter und die von Tishby selbst zitierte Selbstkritik Ban Ki-moons gut belegt. Dass eine Organisation, deren Mehrheit autoritär regiert wird, einen Doppelstandard erzeugt, ist eine ernstzunehmende Diagnose, kein bloßes Apologie-Motiv.
Gleichwohl erklärt der UNO-Bias allein nicht die weltweite Aufmerksamkeit für Israel. Kritiker entgegnen mit drei Gegenargumenten, die Tishby nur teilweise berücksichtigt:
- Der Demokratie-Maßstab. Israel werde gerade weil es sich als Demokratie versteht und massive westliche Unterstützung empfängt an höheren Maßstäben gemessen. Wer sich auf rechtsstaatliche Werte beruft, wird an ihnen gemessen — das ist nicht zwingend Doppelstandard, sondern Konsequenz des eigenen Anspruchs.
- Die Sichtbarkeit der Besatzung. Die Lage im Westjordanland und in Gaza ist ein dauerhafter, gut dokumentierter und vom Westen mitfinanzierter Konflikt — anders als die abgeschotteten Gräuel etwa Nordkoreas. Sichtbarkeit erzeugt Aufmerksamkeit unabhängig vom Schweregrad.
- Westliche Verantwortung. Da westliche Demokratien Israel diplomatisch und militärisch stützen, fühlen sich westliche Öffentlichkeiten mitverantwortlich — ein Engagement, das bei Staaten ohne diese Bindung fehlt.
Fair und kritisch zugleich ist Tishbys Grundunterscheidung — legitime Kritik an Regierungspolitik versus Doppelstandard und Existenzleugnung — methodisch sauber und für eine Aktivistin bemerkenswert offen: Sie gesteht israelisches Fehlverhalten ein („sie haben recht!“, S. 323), markiert Herzls rassistisches Vokabular selbst als „schrecklich“ (S. 326) und beendet das Kapitel mit einem Sündenbekenntnis (S. 352). Die Schwachstelle liegt in der Anwendung: Tishby neigt dazu, intensive Kritik insgesamt unter „Besessenheit“ und letztlich Antisemitismus zu subsumieren. Wenn sie Maajid Nawaz' Satz „wenn du immer weiter ‚aber warum‘ fragst … das ist der Antisemitismus“ weitgehend zustimmend übernimmt (S. 340), verwischt sie genau jene Grenze, die sie an anderer Stelle so scharf zieht. „Besessenheit“ ist zudem ein wertendes Bild, das die Frage nach den Gründen intensiver Kritik vorab als pathologisch rahmt.
Schließlich ist die Perspektive offenzulegen: Tishby schreibt als israelische Aktivistin und erklärte „linke Israelin“, die Israels Existenz verteidigt und seine Regierung kritisiert — nicht als neutrale Völkerrechtlerin. Ihr Buch ist Aufklärung mit Haltung, kein ausgewogenes Lehrbuch. Wer es so liest, gewinnt einen pointierten, faktengestützten Einblick in die israelische Wahrnehmung der internationalen Debatte — und sollte die genannten Gegenargumente ergänzend mitdenken.